Magische Räume
Es weht eine frische Brise durch das Theater am Potsdamer Platz. Die Bühne des alljährlich der Berlinale vorbehaltenen Vergnügungstempels ist in eine Art Märchenwald verwandelt. Mächtige Stämme und Äste wuchern aus dem Portal. Schatten der Blätter scheinen sich im Wind zu wiegen. Ein erster zarter Hinweis darauf, wie in der Show anfassbare Objekte und später sogar menschliche Körper in Dialog treten mit nur durch Licht – beziehungsweise seine Abwesenheit – erzeugten Erscheinungen.
Mit der Wortneuschöpfung «Acromagic» – aus «Acrobatics» und «Magic» – bezeichnet jedenfalls das Regieduo Valentine Losseau und Raphaël Navarro den künstlerisch-technologischen Ansatz. Beide haben die Show entwickelt und stoßen mit ihrem Ensemble (43 Artisten aus 21 Ländern), dem 25 Personen umfassenden Kreativteam und einem Dutzend schwarz gekleideter Bühnen- und Seiltechniker, die jeden Abend die Show betreuen, tatsächlich in neue Gefilde des Illusionstheaters vor.
Da ist zum Beispiel der Pas de deux zwischen den Figuren Ariel und Céleste. Der gelernte Luftartist Harley McLeish scheint da seine Partnerin Amber Van Wijk, eine frühere Sportgymnastin, auf der Hand zu halten, während sie Teile ihres Solos tanzt. Zuvor befanden sich beide in unterschiedlich illuminierten Projektionsräumen: wechselweise eine Figur scheinbar real und die andere nur eine Pixelansammlung. Dann aber wurden sie in einen gemeinsamen Raum gebracht – offenbar durch ein Furioso dicht gestaffelter, vom Zuschauerraum aus nicht erkennbarer und flink bespielter Projektionsflächen. Céleste, das lässt sich kaum anders erklären, muss sich bei ihren Pirouetten auf Ariels Hand an einem Seil befunden haben.
Das große Staunen
Das Wundersame, Gehirnmagische – um im Sprachregister des «Acromagischen» zu bleiben – ist bei «Alizé», dass man stets schwankt zwischen zwei Extremen: einerseits dem Wahrgenommenen auf den Grund zu gehen, zu entschlüsseln, wie das unmöglich Scheinende tatsächlich fabriziert wird, andererseits aufzugeben, sich dem Wunder einfach staunend hinzugeben. «Ahs» und «Ohs» aus offenen Mündern im Publikum, begeistertes Klatschen und kindlicher Glanz in den Augen sind die Antwort auf das Bühnengeschehen.
Illusionistischer Höhepunkt ist sicherlich die «Magische Box». Drei Türen stehen plötzlich auf der Bühne, hell ausgeleuchtet. Der Klang von Holz geht beim Klopfen auf einen der Rahmen durch den ganzen Saal. Dann verschwinden die Türen, um ein, zwei Augenaufschläge später wieder da zu sein. Drei Figuren, darunter die androgyne Titelheldin «Alizé», schlüpfen hindurch und betreten eine Welt voll weiterer Wunder. Zwerge schleppen dort Kisten – die Zwerge sind offenbar niedliche Ausbuchtungen von Ganzkörperpuppen, animiert von sehr beweglichen Performern (Puppenbau: Johanna Ehlert). Vier Kontorsionsartistinnen (Aminaa Bayartsaikhan, Othgo Chuluunzorig, Nyamka und Misheel Nyamkhuu, alle aus der Mongolei) wiederum führen im Bühnenhintergrund ihre Körperverbiegungen vor. Und als wäre all das nicht schon staunenswert genug, verschwinden sie auch zwischendrin komplett im Dunkel und tauchen an anderer Stelle wieder auf. Sie scheinen die Gesetze des physischen Raums auf jene Weise zu überwinden, die seit den 1960er-Jahren dank der «Star Trek»-SciFi-Serie als «Beamen» bekannt ist: Dematerialisierung und Rematerialisierung des Körpers an anderem Ort.
Vertikale und Horizontale
Verantwortlich dafür sind die Künste und Fertigkeiten der bereits im Jahr 2000 in Frankreich vom Regieduo Losseau und Navarro mitgegründeten Compagnie 14:20, die zuvor unter anderem in Paris eine magische Version von Carl Maria von Webers «Freischütz» geschaffen hat. Bei der neuen Teildisziplin des «Acromagischen» in Berlin kommt das Akrobatische allerdings keinesfalls zu kurz. Bei einer Planquine-Nummer schießen sich Artisten und Artistinnen aus Belgien, den USA, Russland, Kanada, Argentinien, Chile, Marokko, Großbritannien und Australien gegenseitig auf Schwungbrettern in die Höhe. Sie rotieren in der Luft um ihre Längs- oder Querachse, landen auf Schultern, Händen und Füßen ihrer Partnerinnen und Partner und bilden menschliche Pyramiden, die sich drei- und vierstöckig in die Vertikale erheben. Phänomenal auch die Trampolin-Nummern: Artistinnen und Artisten aus Japan, Kanada, den USA, Brasilien und Chile lassen sich etwa in eine komplett verspiegelte Grube fallen, steigen indes dank des elastischen Untergrunds immer wieder himmelwärts. Sie vollführen dabei diverse Salti, Schrauben und andere Rotationskunststücke und verdoppeln sich selbst in den spiegelnden Wänden.
Wie es sich für Zirkus gehört, wird auch die vertikale Dimension gut ausgereizt. Ein Trio rauscht an Strapaten und Bungeeseil hoch über den Köpfen des Publikums dahin (Benji Courtenay, Leela Masuret und Silvia Vrskova). Laurence Tremblay-Vu gleitet nicht nur über das Hochseil, sondern vollführt in etwa acht Metern Höhe sogar einen Spagat auf dem dünnen Metall. Auch klassische Jonglage-Acts mit Bällen und Keulen fehlen nicht.
Dramaturgie des Windes
Verbindendes Element der einzelnen Szenen ist der Wind. Mal scheint er nur zart die Schatten der Blätter des Baums am Portal zu bewegen. Dann wieder zaubert er Herbstlaub aus dem Anzug von Felix, einer melancholischen Clownsfigur, die immer mal wieder zwischen den Szenen oder auch innerhalb einzelner Episoden auftaucht (Pierric Tenthorey). Gelegentlich bläst der Wind so stark, dass seine Kraft ganz physisch im Zuschauerraum zu spüren ist. Manche Figur hat den Wind gar in den eigenen Namen eingeschrieben. Beim Tänzer Ariel ist das der Fall, bei der Sängerin Éole (Lotta Hagfors), die mit einem an die legendäre Björk erinnernden Elfengesang das gesamte Stück begleitet, auch der Windgott Zephyr an den Strapaten gehört dazu.
Im Feuerwerk der Ideen fällt allerdings die Titelfigur Alizé etwas ab. Nicht, was das Können des Luft- und Bodenakrobaten Saffi Watson selbst anbelangt. Reptiliengleich schlängelt er sich in der Eingangsszene durch eine Studierenden-Bude im Stil des frühen 20. Jahrhunderts. Er fügt sich auch perfekt in Kontorsionsnummern ein und lässt sich mit dem Vertikaltuch einer Luftakrobatin (erneut Leela Masuret) zu einem poetischen Duett einfangen. Aber die Figur selbst ist zu wenig präsent im Lauf der gesamten Show. Sie kommt über Staunen und gelegentliches Spiegeln der Bewegungen anderer nicht hinaus. Und im Gegensatz zur Komplementärfigur Felix, die durch Bravour im Komischen auffällt, hat sie auch kein eigenes scharfes Profil. Man merkt ihr nicht einmal jene emotionalen Veränderungen an, die ihre Fast-Namensvetterin aus dem «Wunderland»-Buch von Lewis Carroll erfährt. Das ist verschenktes erzählerisches Potenzial seitens der kreativen Köpfe.
Doch das Staunen über die vielen anderen Momente tröstet darüber hinweg. Die Lichtdesigner Martin Labrecque und Nicolas Descoteaux lassen sich sogar noch ganze Wolken aus herabsinkenden und aufsteigenden Leuchtkörpern einfallen. Videokünstler Félix Fradet-Faguy steuert bezaubernde Sternenhimmel herbei. Und die Ensemble-Choreografien – verantwortlich: Émilie Émiroglou in der Regie-Position, Marion Motin (tanz 8-9/23) für die Choreografie und Hélène Lemay in den Akrobatik-Squenzen – bestechen durch Präzision und Dynamik. Fazit: «Alizé» setzt Maßstäbe im Illusions- und Bewegungstheater.
Berlin, Theater am Potsdamer Platz, wieder vom 14. März bis Januar 2027; www.alize.show
Tanz März 2026
Rubrik: Produktionen, Seite 10
von Tom Mustroph
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