Lebenszugewandt
Unsterblichkeit ist ein großes Wort. Doch solange Menschen sich von Balletten wie John Crankos «Onegin», seinem «Romeo und Julia» oder von Kenneth MacMillans «Lied von der Erde» werden bewegen lassen – so lange wird der Name Ray Barra nicht vergessen sein.
Ray Barra wurde als Sohn spanischer Eltern am 3. Januar 1930 in San Francisco geboren. Nach Lehrjahren in San Francisco tanzte er beim American Ballet Theatre in New York und kam Ende der fünfziger Jahre nach Stuttgart, kurz vor John Crankos Übernahme der Ballettdirektion.
Es folgen sechs knappe Jahre, in denen Barra mit seiner tänzerischen Persönlichkeit dort die Rollen geprägt hat, mit denen er sich in die Ballettgeschichte eingeschrieben hat. Ein Mann, kein Jüngling; ein geborener Partner, kein Egozentriker; kein Virtuose, aber im Besitz einer höchst gediegenen Technik, und kein Zyniker, sondern ein dem Leben liebevoll zugewandter Mensch. Es ist kein Zufall, dass mit Crankos «Schwanensee» 1962 die Emanzipation der Prinzenrolle begann (lange vor Nurejew) und plötzlich ein Mann Aufmerksamkeit für sich beanspruchte, dessen Schicksal nicht weniger berührte als das der Schwanenkönigin. Übrigens tanzte Barra noch vor Crankos Ankunft in Fernsehchoreografien des Süddeutschen Rundfunks mit dem zu Unrecht vergessenen Kurt Jacob. Dessen TV-Version von «Endstation Sehnsucht» mit Ray Barra und Maria Fris verdiente es unbedingt, aus dem Archiv heraus gerettet zu werden. Barras Stanley Kowalski ist ebenso abgründig männlich wie sein Porträt des Verlobten in Kenneth MacMillans «Las Hermanas». Zu wünschen wäre, dass die BBC ihre Verfilmung von 1965 der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen würde, in der die intensive Partnerschaft von Marcia Haydée und Barra einzigartig dokumentiert ist.
Mit dem Riss der Achillessehne 1966 begann Barras zweites Leben als Ballettmeister und Choreograf. Es lohnt sich, diese Jahre nachzuvollziehen in Victor Hughes unprätentiöser, viel Originalton vermittelnder englischer Biografie von 2020. Es bleibt ein schönes Wunder, dass Barra aus den vielen dramatischen, auch bitteren Wendungen seiner Karriere mit einer unversehrt freundlich gestimmten Seele hervorgegangen ist. Sein Abschied aus Stuttgart, um Ballettmeister bei Kenneth MacMillan in Berlin zu werden, hinterließ einen unversöhnlichen Cranko. Und die choreografischen Projekte, die ihm lebenslang am meisten am Herzen lagen – Tanzdramen aus der spanischen Geschichte wie das Schicksal von Johanna, der Wahnsinnigen – fanden keinen Widerhall bei den geldgebenden Direktoren. Doch dagegen stehen Jahrzehnte üppiger Entfaltungsmöglichkeiten. Große Projekte beim Bayerischen Staatsballett wie «Don Quijote» (1991), «Schwanensee» (1995) und «Raymonda» (2001) blieben jahrzehntelang im Münchner Repertoire. Und nicht zu vergessen sind Kostbarkeiten wie die während seiner Berliner Ballettdirektion entstandene «Schneekönigin» (1995) oder seine letzte große Arbeit, eine «Carmen» (2007) für Birgit Keils Karlsruher Ballett. Man rief ihn immer wieder, wenn Not am Mann war – so nach Athen, wo er ein Riesenprojekt mit Mikis Theodorakis choreografieren sollte, mit dem Ergebnis, dass sein Name auf dem Besetzungszettel vergessen wurde. Nach Madrid, wo die große Maya Plisetskaya Ballettdirektorin spielte und Ray die Arbeit machte. Er nahm es mit Gelassenheit aus der Sicherheit eines glückhaften Lebensgefühls heraus. Dieses bildete auch die Basis für die diskrete Selbstverständlichkeit, mit der hier ein Mann in gefährlichen Zeiten mit seiner Homosexualität umging. Angefangen beim jugendlichen Liebesglück mit dem Tänzer-Star Erik Bruhn bis zur 54 Jahre währenden Lebenspartnerschaft mit dem Tänzerkollegen Maximo Barra, dessen Urne während Rays letzten Lebensjahren auf dem Nachttisch stand.
Er war nie ein Avantgarde-Künstler. Seine choreografische Sprache, seine Musikalität wurzeln in der Klassik und in deren maßvoller Erweiterung à la Cranko und MacMillan. Seine Dramaturgie erzählt in nachvollziehbaren Formen und greift allenfalls zum Mittel des Traums, wenn es darum geht, Merkwürdigkeiten von Handlung oder Psychologie verständlicher zu machen.
Es gibt vielleicht nicht allzu viele bedeutende Künstler, an die sich die Menschen, die mit ihnen gearbeitet haben, mit uneingeschränkt liebevoller Zuneigung erinnern. Ray Barra zählt zu ihnen. Das Schicksal dankte es ihm mit einem gnädigen Tod, der den 95-Jährigen in seinem Alterssitz in Marbella am 26. März zu sich rief.
Der Autor war bis 2016 Dramaturg und Vizedirektor des Bayerischen Staatsballetts
Tanz Mai 2025
Rubrik: Menschen, Seite 28
von Wolfgang Oberender
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