Lebenskünstler
Vom siebten Stock des Staatstheaters Kassel aus erschließt sich die DNA der Stadt: Im Osten räkelt sich die prachtvolle Orangerie in der Wintersonne, ringsum leuchtet satter Rasen, während durch die Südfenster ein Regentief in den Ballettsaal hineinblinzelt. Der neblige Grauschleier lässt die Nachkriegsarchitektur rund ums Fridericianum so trist wie einfallslos wirken, was die Tänzer*innen im Studio freilich nicht anficht. Sie haben sowieso keine Zeit fürs Hinausschauen, sind vollauf miteinander beschäftigt.
Die Füße ankern in einer zweiten Position, die gebeugten Beine seitwärts abgespreizt, während das Becken in Hochfrequenz vibriert. «Connect, feel the connection», ruft jemand in den Raum. Tomatenroter Hoodie, graue Hose, glattpolierter Kopf über Vollbart und Augen, so dunkel wie Tollkirschen – so sitzt Eyal Dadon neben einem Stillleben aus Klavier, Notenständer und Turnmatte. Sein Laptop firmiert als Sound Machine, taktet die nagelneue Choreografie auf dem Weg zur Premiere: Noch vier Tage, dann geht das Dreiviertelstunden-Stück «Shuv» als Tandem mit Andonis Foniadakis’ «Der Tod und das Mädchen» über die Bühne des Hauses. Es ist die erste Kreation, die der israelische Choreograf ...
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Tanz März 2025
Rubrik: Menschen, Seite 26
von Dorion Weickmann
Ihre Ernennung zur Künstlerischen Leiterin des Litauischen Nationalballetts hat die Karriere von Jurgita Dronina als einer der weltweit gefragtesten Balletttänzerinnen zu einem vorzeitigen, gleichwohl schlüssigen Abschluss gebracht. Vom National Ballet of Canada, ihrer künstlerischen Heimat der zurückliegenden zehn Jahre, hatte sie als Giselle bereits ihren...
Seit Lotte de Beers Übernahme der Wiener Volksoper im Herbst 2022 kommt es zu Projekten, die auf dem Papier interessant klingen, in der Umsetzung aber dramaturgisch heikel sind. Will heißen: Der Tanz wird bemüht, ist aber nicht Anlass oder Auslöser der Produktion. So geschehen mit der Tschaikowsky-Oper «Jolanthe», welche Regisseurin de Beer mit Teilen aus dem...
«Woher diese Buhrufe?» Das fragt sich der Leitende Kulturredakteur einer nicht eben unbedeutenden Tageszeitung nach dem Besuch eines Stuttgarter Ballettabends. Und er bezieht sich dabei nicht etwa auf die aktuelle Aufführung «Mahler X Drei Meister», die mit einem rekonstruierten «Auszug» aus dem Ballett «Spuren» endet, der letzten Choreografie John Crankos. Nein,...
