Körper als Landschaft
Eine Ausstellung? Wer den kleinen Raum im Tanzmuseum Köln betritt, bleibt irritiert an der Schwelle stehen: Der Boden ist schwarz, darauf sind in weißer Schrift Zitate notiert. Wenige Objekte sind im Raum verteilt, an den Wänden hängen umlaufende Fotografien, streng nebeneinander angeordnet. Auch rote Scheiben mit Erinnerungssplittern, poetische wie schockierende, sind darunter. Nein, das ist keine Ausstellung, es ist eine Inszenierung, ein ästhetisches Reenactment, das den leisen, ahnungsvollen Minimalismus von Raimund Hoghe imitiert.
Ein Setting, das man mit seiner Ruhe und seinen Geheimnissen erst einmal aus der Distanz erfassen möchte. «Inscrit – Schreiben mit dem Körper» lautet der Titel, mit der Unterzeile «Eine Ausstellung für Raimund Hoghe». Diese Ehrung hätte den 2021 verstorbenen Choreografen, Tänzer, Journalisten und Dramaturgen unbändig gefreut. In vielen Theatern rund um den Globus wurde er gefeiert, aber Deutschland tat sich schwer mit ihm. Während das französische Kulturministerium ihn 2019 zum Officier de l’Ordre des Arts et des Lettres ernannte, erhielt er in der Heimat 2020 den «Deutschen Tanzpreis» für sein Lebenswerk – gerade noch rechtzeitig vor seinem Tod am 14. Mai 2021. Hoghe selbst führte die Zurückhaltung auf die deutsche Vergangenheit zurück. «In Deutschland spiele ich zwei- bis dreimal im Jahr, in Frankreich zwanzigmal. Dort herrscht eine andere Offenheit mir und meinem Körper gegenüber. Das hängt mit der deutschen Geschichte zusammen, mit der Ideologie der Nazis vom idealen Körper. Ich falle aus der Norm. Menschen wie mich sieht man als Opfer, will sie weder auf der Straße noch im Leben in einer anderen Rolle sehen», erläuterte er der Autorin dieser Zeilen einmal im Interview. Hoghes Erfahrung: «Wenn ich im Ausland über die Straße gehe, gucken die Leute ganz anders. Freundlicher, mit Akzeptanz. In Frankreich gibt es auch mehr kleine Männer in der Öffentlichkeit – siehe Nicolas Sarkozy.»
Produktion unter Torbögen
Die Stadt Montpellier hat sogar einen Platz nach dem 1,54 Meter kleinen Künstler benannt: «Place Raimund Hoghe (1949 – 2021), Danseur, Chorégraphe et Dramaturge Allemand» steht auf dem Schild vor der Kunstakademie, ein Mitarbeiter des Tanzmuseums zeigt es mir auf seinem Handy. Diese ehrenvolle Gemeinsamkeit teilt Hoghe mit der Weggefährtin Pina Bausch (für die er von 1980 bis 1989 als Dramaturg arbeitete): Beide wurden in Frankreich verehrt, beiden nach ihrem Tod ein Platz (beziehungsweise Bausch eine Straße) in der südfranzösischen Stadt gewidmet. Denn die zwei Wuppertaler – auch dies eine Gemeinsamkeit – hatten eine enge Verbindung zum Festival «Montpellier Danse» und der Agora, einem ehemaligen Ursulinenkloster aus dem 17. Jahrhundert und einstigen Frauengefängnis, das heute das Centre chorégraphique national de Montpellier Occitanie beherbergt.
In der Kölner Ausstellung sieht man gleich am Eingang ein Szenenfoto vor der Kulisse der denkmalgeschützten, mächtigen Torbögen aus Hoghes «Montpellier, 4 Juillet 2011» mit ihm selbst und der Tänzerin Ornella Balestra. Hier produzierte er manches Stück, darunter die Auftragsarbeit «Si je meurs, laissez le balcon ouvert» (2010) als Hommage an den 1992 verstorbenen Gründer des Festivals, Dominique Bagouet.
Leise Kunst
Die Kölner Präsentation ist eine kleine, feine Schau. Im Zentrum stehen die wunderbaren Fotografien und die Filminstallation «Scrivere con il corpo» von Rosa Frank, die Hoghes Werk über fast 30 Jahre fotografisch begleitet hat. Gemeinsam mit ihr hat Thomas Thorausch, stellvertretender Leiter des Deutschen Tanzarchivs Köln, die Ausstellung eingerichtet. Neben weiteren medialen Installationen und Filmen sind Texte von und über Hoghe sowie Notationen und einige Objekte aus seinen Choreografien zu sehen. Was allerdings die Lust am Schauen beeinträchtigt, ist die Abwesenheit von Erklärtafeln bei den Fotos. Es gibt ein dankbares Begleitheft mit – neben Interviews und Zitaten – einem Grundriss des Raumes einer Beschriftung sämtlicher Exponate, doch es ist mühsam, ständig zwischen Papier und Raum zu switchen.
Hoghes Kunst war leise. Auf der Bühne schuf er entschleunigte Welten, die Schlichtheit von Formen und Farben faszinierte ihn, Kaffeebohnen, Linsen oder Reis nutzte er als künstlerisches Material. Einfache Mittel, die er wie ein spielendes Kind zu Kreisen oder Häufchen formte. Und die zur Installation wurden.
Diva in Goldfolie
Ebenso sanft wie entschieden legte er den Finger in die Wunden der deutschen Geschichte und der Gegenwart. Die Musik kam hinzu wie ein Seelenpflaster, so wie die Klänge, die aus einem kleinen Nebenraum dringen. Hier läuft der Film «Traces – Raimund Hoghe #5» von Sandeep Mehta. Das melancholische Solo von Ji Hye Chung am Strand von Porto vor einem malerischen Sonnenuntergang verschmilzt mit der Musik und dem weichen Rhythmus der Wellen zu einer geradezu schmerzhaften Schönheit. Umso mehr, als es in Verbindung zur Flüchtlingsthematik steht, die Hoghe so berührend in seinem letzten Stück «Postcards from Vietnam» behandelte.
Schönheit ist ein großes Thema im Werk von Raimund Hoghe. Schönheitsideale und die kollektive Vorstellung der Gesellschaft, die auf Körper wie seinen verlegen reagierte, stellt er in seiner Kunst infrage: «Ich kämpfe darum, dass Menschen mit anderen Körpern sich auch auf der Bühne zeigen dürfen.» Rosa Franks kraftvolle Fotografien dokumentieren sein Anliegen – er fällt mit seiner Größe und seiner Rückgratverkrümmung unter den anderen Tänzer*innen sofort auf. Wer einen traditionellen «Schwanensee» gesehen hat und dann zu Tschaikowskys Musik in Hoghes «Swan Lake, 4 Acts» erlebt, wie er die typischen Armbewegungen nachahmt, erfasst sofort diese Idee. Seinen Körper, den er als Landschaft bezeichnete, setzte er in diesem Sinne, auch unbekleidet, in einen Kontrast zu «schönen» Menschen und harmonischer Musik.
Für ihn machte Schönheit nicht vor dem Alter halt, sie war vielmehr Ausdruck eines Lebens im Einklang mit sich selbst. «Ich habe Gret Palucca gesehen, als sie 86 Jahre alt war. Sie hatte ein Strahlen in den Augen. Sie bewegte sich noch ganz leicht – eine unheimlich schöne Frau», schwärmte er. Diversität lebte und inszenierte Hoghe lange, bevor das politische Schlagwort aufkam. Es gibt ein Solo in «La Valse», raffiniert festgehalten von Rosa Frank in einer fünfteiligen Fotoserie, die in einem Erker einen besonderen Platz erhalten hat: Sie zeigt den einzigartigen Tänzer als Diva in einem Kostüm aus üppiger, goldener Folie. Nach und nach schält er sich aus dem schillernden Material heraus, bis die prachtvolle Verpackung nur noch ein goldener Materialhaufen ist. Hoghe steht da, zeigt seinen Körper, wie er ist – und entschwindet. Welch großartige und mutige Metaphorik.
«Inscrit – Schreiben mit dem Körper», bis 28. Februar 2027; www.deutsches-tanzarchiv.de
Tanz August/September 2026
Rubrik: Traditionen, Seite 54
von Bettina Trouwborst
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