Augenschmaus
Es ist zwar erst Mitte Juni, aber eine brütende Hitze liegt über Hamburg. Und brütend heiß scheint es auch auf der Bühne der Hamburgischen Staatsoper zu sein. Alice’ Schwester (Alice Mazzasette) drapiert sich mit Sommerkleidchen, Sonnenbrille und Strohhut auf einem kleinen Wiesenhügel, nimmt sich ein Buch zur Hand und stellt mit ihrer gesamten Körperhaltung klar, dass sie die kommenden Stunden nicht gestört werden will. Auch nicht von Alice.
So einfach ist das aber nicht mit einer kleinen Schwester, zumal wenn diese von Olivia Betteridge getanzt wird, deren jugendlicher Bewegungsdrang zweifellos irgendwohin will. Also ab in den Kaninchenbau, der sich unter dem Hügel auftut.
Nonsens-Literatur
1865 veröffentlichte der britische Teilzeitautor Lewis Carroll «Alice im Wunderland», ursprünglich ein Geschenk für die Tochter eines Freundes, das nach Erweiterungen zum Welterfolg wurde, zum Wegbereiter der Nonsens-Literatur und zum bis heute Kino, Pop und Theater beeinflussenden Werk, sechs Jahre später folgte die Fortsetzung «Alice hinter den Spiegeln». Auch im Tanz hat «Alice im Wunderland» Spuren hinterlassen, unter anderem schuf Christopher Wheeldon 2011 eine Kreation fürs Royal Ballet (die sechs Jahre später auch am Bayerischen Staatsballett einstudiert wurde), 2014 Mauro Bigonzetti eine für Gauthier Dance. Und jetzt Alexei Ratmansky eine unter dem Titel «Wunderland» fürs Hamburg Ballett, als erstes großes Handlungsballett am Haus, seit Cathy Marston hier 2023 ihr nordenglisches «Jane Eyre» mehr oder weniger inspiriert reaktivierte (tanz 2/24). Als Finale der «Tanztriennale» ebenso wie als Eröffnung der «Balletttage Hamburg», als Scharnier zwischen Neu und Alt also.
Wobei Ratmanskys Ästhetik mit zeitgenössischem Tanz noch nie viel zu tun hatte. Der 57-Jährige ist Spezialist für Rekonstruktionen klassischer Ballette, eigene Kreationen zeigt er nur selten (zum Beispiel «Kallirhoe» in Wien, tanz 1/26), und auch in «Wunderland» verlässt er sich aufs klassische Bewegungsrepertoire, das die Hamburger Compagnie freilich mit traumwandlerischer Sicherheit durchexerzieren kann. Aber: Wer dieses Repertoire gut im Griff hat, der hat auch das Handwerkszeug, es zu dehnen, neu zu betrachten, in andere Kontexte zu setzen. Und das macht Ratmansky hier mit großer Freude an der falschen Fährte, was der literarischen Vorlage passgenau entspricht.
Die Hitze!
Wenn also Betteridge zu Beginn auf Spitze einhertänzelt und den letzten Schritt kaum merklich verstolpert, dann denkt man: Klar, die Hitze! Aber kurz darauf wird einem klar, dass Alice im Stück ja ebenfalls unter den Temperaturen leidet, zudem ein kleines Mädchen ist, das hier eben keine perfekte Drehung hinlegt, sondern ihre überschüssige Energie irgendwie zu kanalisieren versucht, und da geht dann eben auch mal was daneben. Das ist fein gearbeitet, weil es den inszenierten Fehler eben nicht ausspielt, sondern ihn quasi im Subtext mitlaufen lässt. Und weil in der Titelrolle eine charmesprühende Darstellerin wie Betteridge glänzt, lässt man sich freudig aufs Glatteis führen, also ins Wunderland.
Ratmanskys «Wunderland» erweist sich als eine Abfolge von skurrilen Situationen, die man so auch aus Carrolls Romanvorlage kennt. Alice folgt einem ständig gestressten Kaninchen (das angesichts der langen Ohren bei Aleix Martínez eher ein Hase zu sein scheint, aber gut), stürzt durch einen psychedelischen Tunnel und begegnet unter anderem einer dauerpaffenden Raupe (Caspar Sasse), der Grinsekatze (Daniele Bonelli, den das Corps de ballet später als Katzenrudel unterstützt), der chaotischen Teegesellschaft des verrückten Hutmachers (Gabriel Barbosa). Und schließlich landet sie im Schreckensregime der Herzkönigin (Ida Praetorius), in etwa das Zentrum dieses Romans, der im Grunde gar kein Zentrum hat, sondern nach einer Traumlogik mäandert.
Was allerdings auch heißt, dass Ratmanskys Ballettversion mäandert, ohne sich an einer echten dramaturgischen Struktur orientieren zu können. Auf der Bühne nimmt das den Charakter einer Nummernrevue an: Eine für sich genommen tolle Szene folgt auf die andere, zu einem Ganzen fügt sich das Gezeigte aber nur schwer. Und weil Ratmansky jede Szene musikalisch anders fasst (Musik: Philip Feeney, assistiert vom Choreografensohn Vasyl Ratmansky), stellt sich über kurz oder lang das Gefühl einer Hetzjagd durch emotionale Gegensätze ein: Béla Bartók steht da neben Johann Strauß, Streicherromantik neben elektronischen Signalen, und zwischendurch, bei der Teegesellschaft, erklingt eine am Hörnerv zerrende Kakofonie – das ist alles durchdacht, aber weil es so schnell aufeinander folgt, hat man gar keine Chance, sich auf die ständigen Stimmungswechsel einzustellen. Soll man wahrscheinlich auch nicht. Die Traumwelt, durch die man Alice begleitet, mag eine fantasievolle und letztendlich auch ungefährliche Welt sein, das heißt aber nicht, dass man es sich in ihr zu bequem machen darf. Ratmanskys klassisches Ballettverständnis wiegt einen da in falscher Sicherheit, im Gefühl, es sich in der Konvention eines Märchens einrichten zu können, aber die Musik fordert dann ganz schön. Einerseits das Philharmonische Staatsorchester Hamburg, das unter der Leitung von Vello Pähn Stilserpentinen schwungvoll zu meistern hat, andererseits aber auch das Publikum, dass diese halsbrecherische Serpentinenfahrt mitverfolgen muss. Das knirscht und rattert zwischendurch ziemlich, und dass man zumindest aus dem ersten Teil einerseits zerzaust, andererseits inspiriert kommt, ist auch ein Hinweis auf die Qualität des Abends.
Fabulierender Blödsinn
Die Hamburger Compagnie hatte sich bei ihren jüngsten Handlungsballetten immer tiefer in eine gewisse Bedeutungsschwere hineinmanövriert. Das mochte mit Langzeit-Intendant John Neumeier zu tun gehabt haben, der sein Lebenswerk vollendet sehen wollte, es setzte sich aber fort mit Stücken wie Marstons «Jane Eyre» oder Aleix Martínez’ «Äther» im Doppelabend «Romantic Evolution/s» (tanz 2/26), das die Klimakatastrophe im Tanz zu beschreiben versuchte. Ratmansky setzt nun die reine Freude an der Bewegung und am Blödsinn dagegen. Denn das ist «Wunderland» eben nach Carrolls Roman: eine Feier des fabulierenden Blödsinns, der zwar in sich Sinn ergibt, diesen Sinn dann aber gleich wieder ins Leere laufen lässt. Und dabei auch durchaus mal schwer erträglich sein kann – der Traum, den Ratmansky hier mit dem Publikum träumt, kippt immer mal wieder in den Alptraum, und dass die Choreografie das zulässt, zeigt, wie gut das Konzept aufgeht. Zumindest bis zur Pause.
Nach dieser folgt «Alice hinter den Spiegeln», das die Geschichte im Grunde noch mal erzählt, nur erwachsener, konzentrierter. Betteridges Alice reist ein zweites Mal ins Wunderland, diesmal allerdings nicht durch den Kaninchenbau, sondern als Schritt durch einen Zauberspiegel. Das ergibt einen schönen Pas de deux mit einer gespiegelten Doppelgängerin (Greta Jörgens), es macht die Erzählung aber auch konventioneller, weil mit dem Spiegel eine (im Gegensatz zum Kaninchen) längst durchgesetzte Metapher eingeführt wird. Zudem fehlt hier der anarchische Spaß von Martínez’ Nagetier.
Das Kartenspiel aus dem ersten Teil wird zum (hübsch choreografierten, auf Dauer aber etwas ermüdenden) Schachspiel, das Grinsekatzen-Rudel zum fies brummenden Insektenballett. Schön sind wieder einzelne Begegnungen im Wunderland: Caspar Sasse etwa gibt den eiförmigen Gesellen Humpty Dumpty (in der deutschen Romanfassung weniger poetisch als «Goggelmoggel» bezeichnet) als reizend vor sich hinwackelndes Stehaufmännchen. Und die Zwillinge Tweedledum und Tweedledee sind womöglich ein Höhepunkt des Abends: Auch wenn man – wie der Autor dieses Artikels – eine gewisse Aversion gegen clowneske Ästhetik pflegt, muss man anerkennen, mit wie viel Spaß an genauer Bewegung und exakt gesetzten Sprüngen Francesco Cortese und Louis Musin diesen Auftritt anlegen.
Gewaltfreie Konfliktlösung
Zwiespältig hingegen zeigen sich roter und weißer Ritter. Das Duell zwischen den beiden performen Matias Oberlin und Daniele Bonelli zunächst noch erwartbar als klassische Kampfchoreografie, um dann überraschend spielerisch zu enden, mit schlenkernden Beinen und sanfter Harmonie. Womöglich ist dieser Schwenk sogar mehr als eine tänzerische Überraschung, wie sie dieser Abend einige hervorbringt, womöglich betont der dezidierte Putin-Gegner Ratmansky (der Russland nach dem Überfall auf die Ukraine 2022 verlassen hatte) hier, dass es auch gewaltfreie Wege gibt, mit Konflikten umzugehen. Folgerichtig ist das Militärische, das bei Carroll immer wieder auch in die kindliche Traumwelt ausgreift, an diesem Abend nur noch in Spurenelementen vorhanden, etwa bei der Hofgesellschaft im ersten und der Kavallerie im zweiten Teil. Schade ist dann allerdings, dass die Szene in ein fast zu erwachsenes Liebesduett zwischen Alice und weißem Ritter mündet – einerseits, weil Daniele Bonellis Vitalität den Charme von Olivia Betteridges jugendlich-unbekümmerter Performance weitgehend neutralisiert. Vor allem aber, weil Ratmansky hier den queeren Gehalt der Vorlage mehr oder weniger grundlos einer heteronormativen Formierung opfert. Freilich passt das in die Zeit: In Hamburg wurde (neo-)klassisches Ballett jahrzehntelang auch als queere Kunst verstanden, mittlerweile sind die queeren Anteile in den Neuproduktionen aber auf ein Minimum zurückgefahren.
Entsprechend erweist sich auch die aufwendige Ausstattung (angeblich ist «Wunderland» die teuerste Produktion, die das Hamburg Ballett je stemmte) mehr als Augenschmaus denn als echter Camp. Wenn auch als wirklich lohnender Augenschmaus: Sebastian Hannak aktiviert alles, was die Hamburger Bühne zu geben in der Lage ist, von puppenstubenhaften Kulissen bis zu abstrakten Videos, und in einer drogenvernebelten Sequenz windet sich Betteridges Kopf minutenlang auf einem Schlangenkörper durch die Szene. Der noch größere Hingucker sind aber David Szauders Kostüme, die selbst winzige Rollen (die von Lormaigne Bockmühl getanzte Krabbe!) liebevoll ausstaffieren.
Die Meerschweinchen! Die Blumen! Nicht zuletzt die wunderbaren (freilich in ihren engen Kostümen nicht wirklich tanzfähigen) Pilze! Man kann sich gar nicht sattsehen an diesen Figuren und an der Fantasie, mit der sie zum Leben erweckt wurden, und es ist ein schöner Abschluss, dass die meisten von ihnen im Finale noch einmal auf die Bühne dürfen. Wen man dabei am meisten vermisst, ist das Kaninchen aus dem ersten Teil, aber Martínez steckt da schon im Kostüm des Löwen, ein bisschen Schwund ist immer. In der letzten Szene dann wird Alice mehr oder weniger unsanft durch den Spiegel in die echte Welt zurückgeschickt. Wie ganz zu Beginn erklingt noch einmal Erik Saties «Gnossienne Nr. 3», irgendwie muss die Heldin jetzt mit der schnöden Realität zurechtkommen. Aber Betteridges Lächeln deutet an, dass sie ein paar Erinnerungen aus dem «Wunderland» mitgenommen hat. Die dürften für eine Weile reichen.
Wieder Hamburgische Staatsoper, 30., 31. Oktober, 6., 10., 12., 13., 18., 21. November sowie am 20. März 2027;
www.hamburgballett.de
Tanz August/September 2026
Rubrik: Produktionen, Seite 6
von Falk Schreiber
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