John Neumeier «Die Unsichtbaren»
Eine Schlüsselszene, die alles in sich aufnimmt: Die Comedian Harmonists intonieren «Irgendwo auf der Welt» aus dem Off, vier Damen und Herren in glitzernder Revue-Montur schieben sich von links auf die Bühne, mitten in fliehende Menschen hinein. Kreuz und quer jagen Flüchtende durchs Halbdunkel.
Wie viele werden sich retten können? Wie viele werden in Konzentrations- und Vernichtungslagern, bei Hinrichtungen, in der Haft ums Leben kommen? Das Bild, das John Neumeier und sein Inszenierungsteam mit dem Bundesjugendballett (erweitert um die bereits zur Hauptkompanie gewechselte Ida-Sofia Stempelmann) in den Guckkasten des Hamburger Ernst Deutsch Theaters montiert, fasst sämtliche Fäden des Abends zusammen. Er heißt: «Die Unsichtbaren». Er handelt: vom Ausdruckstanz und seinen Protagonist*innen. Von denen, die sich ein Stück weit mit den Nazis einließen. Und ebenso von den Schweigenden, von denen, die widerstanden oder emigrierten und schließlich ausgelöscht wurden. Er ist: stark, wenn auch nicht über die gesamte, drei Stunden und 16 Szenen dauernde Strecke.
Was hauptsächlich mit zwei Faktoren zusammenhängt. Einerseits wirkt der Gegenstand im traditionellen Theaterambiente seltsam ...
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Tanz Oktober 2022
Rubrik: Kalender, Seite 40
von Dorion Weickmann
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