Johan Inger «Schwanensee»
Quellenforschung schadet nie. Selbst bei «Schwanensee» nicht – Johan Inger und Dramaturg Gregor Acuña-Pohl stießen auf das Märchen «Der geraubte Schleier» von Johann Karl August Musäus, das dem Ballett mehr oder weniger als Vorlage dient. Dort wird der sogenannten «Schönheitsbrunnen» unweit Zwickaus geortet, «zwar beinahe versiegt, aber noch nicht ausgetrocknet» und in der Lage, das «flüchtige Gut der weiblichen Schönheit stet und fest zu machen». Vorausgesetzt, man gehört zur «Sippschaft der Feien» und ist im Besitz eines magischen Schleiers.
Der wird auch bei Inger von einer Gottheit verteilt, ungeachtet des Geschlechts, das heute nicht mehr dieselbe Rolle spielt wie 1895, als Marius Petipa und Lew Iwanow den Klassiker par excellence kreierten. Wie durch ein Wunder erheben sich die schwarz trikotierten Wesen wie Schwäne, ohne dafür Spitzenschuhe bemühen zu müssen: ein abstraktes Bild, das das dennoch mit wehenden Schleiern eine Welt voller Zauber imaginiert. Die Geschichte kann man als Märchen nehmen, aber sie thematisiert durchaus gegenwärtige Problemstellungen.
Das wird spätestens in der nächsten Szene deutlich, die den Königshof auf Naxos zeigt. Inger sucht hier nicht sein ...
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Tanz Januar 2024
Rubrik: Kalender, Seite 39
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