Jenseits
Heiner Müller, größter aller DDR-Dramatiker, ließ in seinem gewaltigen Textopus «Anatomie Titus Fall of Rome» – eine Überschreibung von Shakespeares Blut- und Rachedrama «Titus Andronicus» – das Volk im Vorhof des Palastes tanzen. Und schrieb dazu Sätze in bombastischen Lettern wie:
«AUS IHREN NETZEN SCHAUN DIE SPINNEN ZU EIN WENIG TANZEND IN DEM WELLENGANG MIT DEM DIE STADT DEN LÄRM DER HIGHWAYS FORTPFLANZT MANCHMAL IM TANZSCHRITT EINE FLIEGE PFLÜCKEND».
Niemand konnte so elegant die räuberische Natur des Kapitalismus beschreiben wie der 1995 verstorbene Heiner Müller. Das Kapital tanzte bei ihm im «Krebsgang» – eine Bewegung, die rückwärts geht, wenn sie meint, nach vorn zu stürmen. Diesen Tanzschritt übersetzt nun seine Witwe, brigitte maria mayer, in ein nicht minder gewaltiges Opus, eine Filminstallation mit drei synchronen Leinwänden, die vom 25. April bis zum 7. Juni in der Berliner Akademie der Künste am Pariser Platz zu sehen ist. Der «Passionsweg durch die Moderne» mit Stars wie Jeanne Moreau und Tänzerinnen des Staatsballetts Berlin wurde in China, Ghana, Ägypten gedreht – immer auf der Suche nach den Spinnen der heutigen Politik
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
- Alle tanz-Artikel online lesen
- Zugang zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von tanz
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Auf ihn wartet man, man macht ihm die Aufwartung: einem Rentner. Er kümmerte sich bis 2005 um die Tänzer bei der Zentralen Bühnen-, Fernseh- und Filmvermittlung. Zuvor gab er den zweiten Vorsitzenden im Deutschen Berufsverband für Tanzpädagogik, 1977-94. Der Schlachtruf, kein Tänzer muss aufhören zu tanzen, wenn er nichts Besseres zu tun hat, kommt auch bei ihm...
Sie waren Haus-Choreografin des Scapino Ballet Rotterdam, leiten ein eigenes Ensemble – was hat Sie bewogen, jetzt Nachfolgerin von Marco Santi als Leiterin des Tanztheaters am Theater Osnabrück zu werden? Ich habe mich nicht um einen Job bemüht. Aber als mich der Intendant anrief,...
«Ich entwickle mich langsam. Ich bin nicht jemand, der steil aufsteigt. Natürlich verfolge ich auch eine Ästhetik und eine Linie, die aber nicht trendig ist. Auf längere Sicht zeigt sie aber vielleicht eine Perspektive auf, die überleben kann.» So bescheiden klang der Schweizer vor vielen Jahren. Aber er behielt recht. Seit 1999 leitet der heute 49-Jährige das...
