Proben zu «La Belle» mit Olga Smirnova, Foto: Alice Blangero
Jean-Christophe Maillot: Revolution!
Es ist die Eigenheit der Kunst, sich zu entwickeln, zu erneuern und immer wieder selbst infrage zu stellen. Auch der Tanz folgt dieser Regel, ja er schreibt sogar an seiner eigenen Geschichte und befragt gleichzeitig seine Formen. Was mich heute am meisten überrascht, ist nicht so sehr die Entwicklung des Tanzes als vielmehr die grundstürzende Umwälzung, die hinsichtlich seiner Verbreitung vor sich geht. Jahrehundertelang waren wir es gewohnt, Tanz in Verbindung mit realen Orten zu sehen, mit Theatern, Museumssälen, vielleicht auch Straßenzügen.
Seit er die Leinwände und Monitore erobert hat, hat sich der Tanz ein Stück weit entmaterialisiert. Er hat sich einen Platz im Kino gesichert (manchmal in 3D), er ist in Social-Media-Formaten ebenso präsent wie auf Web-TV-Plattformen, er wird dank umfangreicher Strea-mings weltweit geteilt und unmittelbar kommentiert.
In der Tat erleben wir eine Revolution, was die Verbreitung choreografischer Inhalte betrifft. Was wir morgen zeigen wollen, müssen wir heute vorwärtsbringen. Genau wie ein Kompaniedirektor sich um Uraufführungen kümmern muss und ein Festival darum, wie es Zuschauer für neue Formen interessiert, bin ich mir völlig im Klaren ...
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Tanz Jahrbuch 2017
Rubrik: Raum für Visionen, Seite 118
von Jean-Christophe Maillot
Welchen Grund mag es für einen stolzen Kubaner geben, von seiner sonnigen Karibikinsel ins kalte, dunkle Norwegen zu ziehen? Nach «Blond-Land», wie er es irgendwann tauft? Damals ist Osiel Gouneo 22 Jahre alt und bereits Erster Solist beim Nationalballett seiner Heimat, mit draufgängerischer Virtuosität tanzt er fast sämtliche Rollen quer durchs klassische...
Am Tanz hat mich immer interessiert, dass er Wissen – Haltungen, Praktiken, Techniken – weitergibt. Ohne den Transfer von Körper zu Körper würde dieses Wissen verschwinden. Tanz ist eine Körpertechnik, das Medium zugleich das Instrument. Das schien mir stets ein «antiwestliches» Moment zu sein, wie es sonst nur unterschiedlichen Formen der Meditation eigen ist. Die...
«Уважающим себя хореографам следовало бы учитывать, что каждое па – это шаг в будущее. Chorégraphes qui se respectent devraient prendre en considération que chaque pas est un pas dans l’avenir.» Das ist ein Satz, den Serge Diaghilew, laut Boris Kochno, am 17. August 1929, also zwei Tage vor seinem Tod, in Venedig Kochno anvertraut haben soll & den ich, Giselle...
