Interview Akram Khan

Nach «Xenos», seinem jüngsten, in Athen uraufgeführten Solo, spricht der Londoner Starchoreograf und Kathaktänzer über den Zusammenhang zwischen Krieg, Fremdenhass, alten Mythen und Brexit

Tanz - Logo

Akram Khan, das neue Solo «Xenos» heißt übersetzt «Fremder». Wer ist der Fremde?
Ich glaube, im Moment fühlen sich die meisten Menschen als Fremde, fremd im eigenen Staat, entfremdet von ihrer Regierung oder von der ganzen Welt. Es ist ein Symptom, das heute ähnlich grassiert wie vor Beginn des Ersten oder des Zweiten Weltkriegs. Wenn man Fremdenhass heute und Fremdenhass vor hundert Jahren betrachtet, gibt es Parallelen, auch wenn der Krieg nicht länger bei uns stattfindet, sondern in ferne Länder exportiert wird.

Im Ersten Weltkrieg, so lese ich «Xenos», wurden indische Soldaten nach Europa importiert.
Richtig, das ist kaum bekannt. Ich wusste es vorher auch nicht. Erst hundert Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs öffnete die Forschung bis dahin nicht eingesehenes Archivmaterial: 1,5 Millionen indische, auch chinesische und nordafrikanische Soldaten haben für die Briten in Europa gekämpft, Kolonialsoldaten, die in ihrer Heimat Bauern waren oder Arbeiter, und die auf Seiten Großbritanniens ihr Leben ließen. Das steht in keinem Geschichtsbuch. Erst jetzt ist dazu eine Reihe von Artikeln in Zeitungen erschienen. Erst jetzt wurde klar, wie viele Großeltern von Immigranten etwa ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz April 2018
Rubrik: Menschen, Seite 18
von Arnd Wesemann

Weitere Beiträge
Moving Architecture

«Moving Architecture» nennt Daniel Arsham seine Raumskulpturen, die er kürzlich in Moskau gezeigt hat. Genüsslich kreiert er Paradoxien und plastische Verzerrungen. Futuristisch und entkörperlicht sind diese tanzenden Raumgebilde, gefroren in der Bewegung – in dem flüchtigen Moment, wo sich Architektur und Performance treffen.

Was fehlt, sind Farben. Die fluide...

Highlights 4/18

Bologna: Live Arts Week

Live Arts nannten es die Briten in den 1990er-Jahren. Die bildende Kunst betrat die Tanzbühnen. Und sie tut es weiterhin, zum siebten Mal nun im italienischen Bologna, erstmals auch in den historischen Räumen der Galleria d‘Arte Moderna. Die «Live Arts Week» will eine künstlerische Forschung am Körper sein, ein Laboratorium des Tanzes mit...

Physisches Denken

Wir treffen uns im Barbican, Londons architektonisch markantestem Kulturzentrum. Obwohl Daniela Neugebauers androgyne Oversize-Klamotten aufs Verschwinden ausgelegt scheinen, sticht sie mit ihrem pink gebleichten Haar sofort ins Auge. Wir tragen unsere Teetassen in eine stille Ecke irgendwo tief im Bauch des bruitistischen Ungeheuers, das wir beide sehr schätzen....