Hoheitsgebiet
«Machen = Machtlos» heißt die letzte Choreografie, die Gerhard Bohner am Staatstheater Darmstadt realisiert hat. Bohner hatte sich geweigert, vor dem Ende seiner Zeit als Leiter des Tanztheaters ein weiteres Stück herauszubringen. Was zu einer fristlosen Kündigung führte – mit der Aussicht auf Rücknahme, wenn er innerhalb von vier Wochen ein neues Stück machen würde. Er machte eines, ohne einen einzigen neuen Schritt. Und verteilte am Ende ein Flugblatt, auf dem stand, wie es zu dem Stück gekommen war. Daraufhin erhielt Bohner Hausverbot.
Das war 1975, als der Tanz an den städtischen und staatlichen Theatern in Westdeutschland neue Modelle von Mitbestimmung, künstlerischer Forschung und radikaler Ästhetik versuchte. Der Titel der Produktion reflektierte zugleich die Rahmenbedingungen des zeitgenössischen Tanzes in den Theaterstrukturen, die sich bis heute nicht wirklich verändert haben: Tanz markiert das untere Ende der Hierarchien von Opern-, Orchester- und Theater-Betrieb. Die wenigen Ausnahmen, etwa John Neumeiers Hamburg Ballett, wurden über Jahrzehnte durch das Lebenswerk von Choreografen und Choreografinnen behauptet.
Zeitgenössischer Tanz in den letzten fünfzig Jahren war ...
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Tanz Jahrbuch 2024
Rubrik: Macht, Seite 66
von Johannes Odenthal
Macht wird vielfach zu schnell mit Kritik assoziiert. Neben einem Begriff des Machtmissbrauchs gibt es jedoch auch einen Begriff des Machtgebrauchs. Der folgende Überblick über die Soziologie der Macht bemüht sich daher um einen positiven Machtbegriff, der Machtkritik nicht ausschließt, sondern zusätzlich einen Blick darauf wirft, dass Macht den immer noch...
Vereinsleben für Mittelalterspiele. Das Thema scheint etwas für Menschen von gestern, vielleicht für Menschen vom Land, für Verrückte – für Leute jedenfalls, mit denen wir, westlich urbane Intellektuelle, nichts zu tun haben (wollen). Die «Assembly Hall», die der Bühnenbildner und langjährige Mitstreiter von Crystal Pite, Jay Gower Taylor, für das Stück mit eben...
Eine Frau eilt treppab durchs Parkett, hinunter zur ersten Reihe der Hamburger Staatsoper. Draußen im Foyer tröstet sich das Publikum noch mit Sekt und Kanapees. Drinnen bleibt die rechte Proszeniumstüre fest verschlossen. Denn der Mann, der einundfünfzig Jahre lang als allerletzter und unmittelbar, bevor der Vorhang für die jeweilige Aufführung hochging,...
