Heimatstücke

Eine Auswahl

Nicki Liszta: «Wolfgang» 

Auf dem Zuschauerpodest gegenüber lauern Wölfe. Wir würden sie lieben, wären sie nur Hunde. Aber Wölfe wandern und respektieren keine Grenzen. Man kennt sie nur aus der Ferne. Davor haben wir Angst. Jetzt sollen wir sie auch noch bei uns aufnehmen: «Mischlingswölfe, ein bisschen Polarwolf, ein bisschen arabisch», preist die Stimme. Das Wolfsrudel stürzt sich auf uns – Tänzer als Wölfe als Flüchtlinge, «bei denen wir notfalls von der Schusswaffe Gebrauch machen». Es wird geschossen. Ins Bein. Es wird gesungen.

Wir lieben Heimat, den Heimatabend. Nicht den traditionellen, sondern den Heimatabend, der uns zusammenschließt gegen den Bau  der Autobahn. Oder gegen Flüchtlinge. In einem berührungslosen Duo erlaubt keiner der beiden Tänzer einen Schritt am anderen vorbei. Diese freie Stuttgarter Produktion von Nicki Liszta zeigt weder Flüchtlinge noch Wölfe, sondern zeigt auf uns, das Publikum. Ich denke: Unsere Angst ist unsere Heimat.

Arnd Wesemann

Akram Khan: «Desh»

Akram Khan versucht, die Grenze des Andersseins auszuradieren, jenen meistverbreiteten und effizientesten Abwehrmechanismus, den wir Menschen einsetzen, um uns zu distanzieren und abzusondern. Von Flüchtlingen. Von Rassismus. Von Armut. Von ökologischen Katastrophen. Solange all dies in unerreich-barer Ferne einem Anderen widerfährt, kann es uns selbst nicht widerfahren.

Karthika Naïr im Jahrbuch tanz 2016


Heinz Spoerli: «Chäs» 

Heinz Spoerli sprach das Schlusswort: «Chäs». Edi Baer und sein Trio spielte auf zum Schweizer Volksfest. Ländlertöne und Spitzenschuhe – Spoerli bringt beide übereinander und zum Erfolg. Seine Absicht, den Abend mit froher Auflockerung und unkonventioneller Bewegung zu garnieren, ist ihm vor Hannes Meyers Folklore-Filigran vollauf gelungen. Und der Spruch von Ernst Eggimann, den er dazu im Programmheft abdruckt, verdient zitiert zu werden: «E tummi chue git meh chääs u gröser glochete aus e gschidi chue. Aber bi üs gits nume grossglochete chääs.» – Fast hätte das auch für die Schweizer Choreografie zitiert werden müssen. Gott sei Dank nur fast.

Esther Sutter, «Basler Zeitung», 1978


Martin Schläpfer: «Appenzellertänze» 

Es scheppert und tönt. Ein Grüppchen junger Leute schleppt Kuhglocken auf die Bühne, schwere Ungetüme darunter, die man keinem Tier an den Hals wünscht. Die jungen Leute wirken unbekümmert (…) zum Tanzen aufgelegt (…) Doch der Direktor des Ballett am Rhein will ja immer das Leben zeigen, keine Idyllen. Und so führt gleich die zweite Szene dieses Reigens in eine dunkle Stube. Da sitzt Marlúcia do Amaral im schwarzen Kleid am Tisch, sehnt sich nach dem Mann, den sie nicht gefunden hat, und nun ist es zu spät nach den Maßstäben der Leut’. (…) Mit den «Appenzellertänzen» nimmt das Ballett am Rhein eine Choreografie ins Programm, die Martin Schläpfer bereits 2000 für das Ballett in Mainz geschaffen hat (…) Es ist anregend, der frühen Arbeit Schläpfers zu begegnen, der vertrauten Ausdrucksenergie seiner Sprache, der oft gewitzten Fortentwicklung des klassischen Bewegungsrepertoires.

Dorothee Krings, «Rheinische Post», 2018

Gregor Zöllig: «Heimatabend»

Gregor Zölligs 15-köpfiges Tanzensemble behauptet sich hier selbst als Heimat, das Staatstheater Braunschweig ist sein Zuhause. Auf dem Video im Halbrund der Bühne sieht man Stadtlandschaften aus dem Zugfenster, leuchtende Sterne, das Meer, den Strand. Es tönt ein «You have to leave», die geläufige Erfahrung von Tänzern, die nie weg sein wollen, lieber unvergessen und berühmt sein möchten. Und weiterkommen müssen. Ein gewaltiger Bühnenvorhang fällt herab, eine junge Frau rafft ihn, schleppt sich schwer an ihm ab, niemand darf ihr helfen. Heimat ist meins, meine Aufgabe, mein Tanzen, mein Mich-in-die-Welt-Werfen. Heimat wird durchmessen in Sekundenschnelle, weil sie viel zu klein ist für den großen Ehrgeiz, aus Braunschweig wieder rauszukommen.

Arnd Wesemann

Deutsche Tanzkompanie: «Moja, Sheli, Meine ... HEIMAT» 

Ein Thema, drei Standpunkte: Lars Scheibner stammt aus Leningrad, Julia-Marie Koch ist Deutsche, Sagi Gross kommt aus Israel. So unterschiedlich wie ihre Herkunft ist auch das «Mein», das dem gemeinsamen «HEIMAT»-Abend der Deutschen Tanzkompanie Neustrelitz vorangestellt ist. Scheibner nennt seinen Beitrag «*11:23», verortet den Heimat-Begriff im Unbewussten, und zeigt einen überaus spannungsvollen Schöpfungsakt, von dem man am Ende nicht weiß, ob es sich dabei nur um die Projektion eines Kollektivs handelt oder um die konkrete Entstehung eines Menschen. Julia-Marie Koch wiederum geht in «Perfect Tragic Place» eher spielerisch von einer Probensituation aus und zeigt, wie sich Geborgenheit ganz schnell ins -Gegenteil verkehren kann. Ganz kriegerisch-konkret wird Sagi Gross in «One -Charming Night». Heute als Leiter der GrossDanceCompany in Amsterdam lebend, hat er den Verlust von Heimat am eigenen Leib erfahren. Das spürt man. Und man sieht den Körpern der Tänzer an, welche Konsequenzen er daraus zieht.

Hartmut Regitz 

MS Schrittmacher: «Heimatfront – Das Desaster lässt grüßen»

MS Schrittmachers «Heimatfront» ist ein Spiel mit Unsicherheiten. Getanzt wird auf kippenden Ebenen, projiziert werden sattgrüne Palmen, im Aquarium schwimmt Plastik herum. Man sieht gleich: Unser konsumorientierter Lebensstil fordert Opfer, gefährdet Menschen, die für ihn schuften. Aber das geschieht bisher weit weg von der Komfortzone Europa. Erst die Flüchtlingskrise hat das Elend herangerückt. Die Tanzkompanie MS Schrittmacher spielt durch, was passiert, wenn die Wohlstandsdifferenzen wachsen und immer mehr Menschen an unsere Tür klopfen, wenn eine «Heimatfront» entsteht? Handfeste Antworten haben MS Schrittmacher trotz Brainstorming mit Vertretern von Organisationen wie Attac nicht gefunden. Das Stück tanzt im Dreieck: zwischen Komfortzone, schlechtem Gewissen und der Ahnung, dass alles noch viel schlimmer werden kann.

Tom Mustroph


Tanz Jahrbuch 2018
Rubrik: Daheim, Seite 66
von Red.