Freiheitskämpfer

Jugend in der DDR, gescheiterte Fluchtversuche, dann kommt der Mauerfall: Der Choreograf Stephan Thoss, Tanz-Intendant in Mannheim, hat sein Glück im Westen gemacht – und mehr als eine Kompanie geprägt

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Fast wäre er im Morast ertrunken, irgendwo am Neusiedler See in Ungarn. Eingebuddelt ins Laub, versucht Stephan Thoss zur Grenze zu robben, um aus dem Ostblock zu fliehen, als er wegsackt und tiefer sinkt. Er schluckt schon Schlamm, bis sein damaliger Freund Raymond Hilbert ihn herauszieht. Im Morgengrauen erreichen die zwei durchnässt ein Dorf. Auf dem Ortsschild steht ein ungarischer Name – sie haben sich parallel zur Grenze bewegt. Noch bevor sie den Rückweg antreten können, biegt ein Wagen mit Soldaten um die Ecke, Maschinengewehre richten sich auf die beiden.

Nach einer Nacht im Gefängnis dürfen sie gehen. Doch erst nach weiteren gescheiterten Fluchtversuchen mit Verhaftung und Gerichtsverhandlung gelingt Stephan Thoss der Weg in die Freiheit. Er ist einer von Tausenden DDR-Flüchtlingen, die sich im September 1989 in der Prager Botschaft befinden und Druck machen, bis sie endlich ausreisen können. Die Mauer ist offen. Hat der Tänzer unnötig sein Leben aufs Spiel gesetzt? «Nein», sagt der 58-Jährige heute. «Ich weiß, dass ich für meine Freiheit gekämpft habe. Dass ich etwas dafür aufs Spiel gesetzt habe.»

Wie ein Politthriller hört sich die Geschichte seiner Wagnisse in der ...

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Tanz Januar 2024
Rubrik: Menschen, Seite 30
von Antje Landmann

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