Forever young
Es ist ein gutes Zeichen und ein schlechtes. Der zeitgenössische Tanz entwickelt Geschichtsbewusstsein und bemüht sich nun ebenfalls, das eine oder andere Werk als «Klassiker» ins Repertoire zu vermitteln. Was dem Ballett recht ist, darf ihm billig sein. Doch Hinwendung zur Vergangenheit bedeutet auch ein wenig Zweifel an der Zukunft. Denn es geht nicht recht vorwärts im Tanz. Schauen wir darum zurück?
Das Wörterbuch nennt zu Überlieferung «überlieferte Sitten, Gebräuche, Formen». Was auf ein traditionelles, hierarchisches System verweist.
Der Meister und sein Schüler. Im indischen Modell etwa ist der Guru ein Lehrer in der Kunst der Existenz. Was bereits weit über die Körpertechnik hinausreicht. Wie einst bei Maureen Fleming, die, um sich seine Weisheit einzuverleiben, Kazuo Ohno fütterte, weil der Meister etwas schwächlich war. So brüderlich und schwesterlich geschieht hier Überliefern, wenn der ursprüngliche Interpret und/oder Choreograf entscheidet, dass es an der Zeit ist. Dann sucht er sich den Erben, le dépositaire, den Empfänger.
Und geht ins Studio. Der Wunsch, das Begehren, die Initiative gehen vom «Meister» aus. Der titulaire, der rechtmäßige Inhaber des Stücks kann, ...
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New York ist ein verlassener Fleck Erde. Verlassen von den logischen Prinzipien.
Ein freischaffender Choreograf in New York zu sein, ist eine eingeschränkte Selbstmorderklärung. In einer Stadt mit dieser unheimlichen Choreografendichte und unzähligen erschwerenden Umständen mutiert man selbst täglich zu einer Problembewältigungsmaschine. Einerseits. Andrerseits...
Unfreiwillig ist Vacant fast zu einem Epitaph auf György Ligeti geworden, der am 12. Juni das Zeitliche gesegnet hat. Seine Musik sei so vollkommen, hat Saburo Teshigawara nach der Uraufführung in Genf verlauten lassen, sie brauche keine physische Aktion mehr – und wagte dennoch ein Stück, das das schier Unmögliche möglich macht: den Körper völlig vakant, gänzlich...
Stille. Zwölf Tänzer strömen ins Bild, verteilen sich in einem großflächigen, mit blauem Klebeband markierten Quadrat. Dann: Die Tonspur stürmt los, die Interpreten auch. Es beginnt ein endloses Bewegen, man eilt, dreht sich, immer verankert; gestreckte Arme sind Hebel, Körper sind Massen; mit einem Griff werden auf dem Bauch gestrandete Tänzer auf den Rücken...
