finale mit tiepolo
Auf dieser Treppe standen die beiden Männer, Seite an Seite vielleicht, den Kopf in den Nacken gelegt, und schauten hinauf in den von Künstlerhand bestirnten Himmel. Nicht irgendwer hat diesen allegorischen Kosmos bestückt, sondern ein Titan des Spätbarock, dessen Handschrift ihnen zweifellos vertraut war. Sie müssen Giovanni Battista Tiepolos Gemälden schon in Venedig begegnet sein, wo sie – wie Thomas Mann, Franz Werfel, Karl Kraus – regelmäßig zur Sommerfrische im Grand Hôtel des Bains am Lido weilten.
Von dort ist es nur eine kurze Schiffspassage über die Lagune zur Accademia, zum Palazzo Pisani, zu den Kirchen rings um San Marco, wo sich Tiepolos Überwältigungsmalerei studieren lässt: sein die Elemente und Kreaturen in dämonisches Kreiseln, imposante Schwingung versetzender Pinselstrich, der einer Sinnes-Invasion gleicht. Fernab der Serenissima, in der fürstbischöflichen Residenz zu Würzburg, steigen Serge Diaghilew und Vaslav Nijinsky also Anfang August 1913 die Marmorstufen des Treppenhauses hinauf, und mit jedem Schritt enthüllt sich ihnen mehr vom riesenhaften Fresko, das wie ein Baldachin über den Wänden schwebt: Insignien der Kontinente säumen den Rand und dirigieren den ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
- Alle tanz-Artikel online lesen
- Zugang zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von tanz
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Tanz Dezember 2013
Rubrik: bewegung, Seite 4
von Dorion Weickmann
Zwei Männer in buntgemusterten Hemden und Shorts bewegen sich über den Boden, steigen übereinander, verschlingen die Glieder und verdrehen ihre Körper, sodass ununterscheidbar wird, wem hier welcher Arm gehört. Dabei schauen sie stracks ins Publikum und sprechen ununterbrochen, beschreiben Orte und Personen, entwerfen kurze Szenarien. Von all dem aber schnappt man...
im januar: chef gesucht_________
Jedes Ballettensemble und jedes Tanztheater hat einen Kompanieleiter, der es für ein paar Jahre führt und formt und prägt – aber wer sucht ihn aus? Es sind die Intendanten, möchte man meinen, obwohl sie gerne zugeben, nicht viel von Tanz zu verstehen. Also schlägt die Stunde der Gremien, Berater, Juroren. Werfen wir einen Blick...
Ist doch immer wieder ein befremdlicher Anblick: gut gebaute Jungs in Strumpfhosen, deren ausgebeulter Zwickel an ein Birnen-Gehänge erinnert. Inzwischen hat diese Aussicht auf der Tanzbühne fast Seltenheitswert, ist den Klassiker-Neu- und Nachschöpfungen vorbehalten, die das Kostümalphabet des 19. Jahrhunderts nachbuchstabieren, wie es gerade der «Nussknacker» des...
