Estnische Fragen

Nach dem Sozialismus ist auch noch Sozialismus. Jedenfalls in den Kunstszenen des ehemaligen Ostblocks. Das Sowjetballett lebt munter weiter. Die ers­te Garde wurde nur gegen die zweite ausgetauscht. Und die Argumente ein wenig aufpoliert. War «Schwanensee» einst Sowjet-Symbol, ist er heute ein kapitalistischer Kassenknüller. Estnisches Tanztheater wird es auch weiterhin nicht geben. Befürchtet die Choreografin Reet Kudu

Tanz - Logo

Die Erneuerer der russischen Kunst des 20. Jahrhunderts waren in den Augen der Sowjetmacht dekadente Abkömmlinge einer in Auflösung begriffenen spätbürgerlichen Kultur. Avantgarde war die Kunst der falschen Ideologie. Das traf natürlich auch die Tanzkunst – Ausdruckstanz galt den sowjetischen Zensoren als Verbrechen. Zu Symbolen des Sowjet-Staats wurden stattdessen Tschaikow­skys märchenhafte Ballette, allen voran der «Schwanensee».


Und das, obwohl in den klassischen, vom französischen Choreografen Marius Petipa geschaffenen Balletten, die auch die russischen Zaren geliebt hatten, kein Proletariat vorkam. Aber alle armen Bauern wollen einen Prinzen oder eine Prinzessin. So hat das sowjetische Proletariat (gemeinsam mit Stalin, der lustige Operetten liebte) immer weiter geträumt – und am Ballett das Operettenhafte am meisten bewundert.
Die staatliche Ballettzensur in Russland wurde von der Liebe des Publikums zu den klassischen Balletten besonders unterstützt. In der Estnischen Republik dagegen konnten sich nach dem Ersten Weltkrieg noch andere Tanzrichtungen und -stile entwickeln. Die Tänzerin Ella Ilbak gilt als die Isadora Duncan Estlands – hoch geschätzt auch von der schwedischen ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Juni 2005
Rubrik: Körper, Seite 22
von Reet Kudu

Vergriffen
Weitere Beiträge
Wellenbewegungen

Das Genfer Ballett gibt einen belgischen Abend, wenn auch die beiden Choreografien von Annabelle Lopez Ochoa und Sidi Larbi Cherkaoui unterschiedlicher kaum sein können. Gemeinsam ist den beiden: sie kommen aus derselben Generation, beide entstammen Einwan­de­rerfamilien – sie aus Kolumbien, er aus Marokko. Sie wandte sich dem Ballett zu, er wurde Alain Platels...

Pina Bausch: Das Koreastück

Vergorener Chinakohl würde vermutlich zu stark riechen. Außerdem ist er zu klein geschnitten, als dass man ihn als Fächer benutzen könnte. Food Art in Wuppertal: Rainer Behr wird demnach mit frischem Chinakohl belegt; dessen Blätter taugen den Frauen als grüne Wedel. So sieht es aus mit Pina Bauschs Souvenirs aus Korea – man übernimmt das, was ein jeder assoziativ...

In Tränen tanzen

Die Träne quillt. Über die Reling eines Schiffs gebeugt, sinnt ihr der «Dichter» lange nach. Während sie ins Wasser tropft,  gewinnt in der Tiefe des kollektiven Unbewussten seine Sehnsucht körperhafte Gestalt – und gleich ihm erleidet die «kleine Meerjungfrau» ein Los, das beide am Ende zwar nicht glücklich, zumindest aber unsterblich macht. Keine der Erzählungen...