Erntedank
Das Licht flimmert. Neun Tänzer*innen kreisen um die Bühnenmitte im Staatstheater Mainz. Ihre Schritte setzen fest auf den Boden auf, ihre Hüften schwingen unablässig mit. Halb Dorf-, halb Clubatmosphäre – es ertönt ein Beat aus Akkordeon und Glockengeläut. Eine Tänzerin, Nora Monsecour (tanz 12/25), blickt über die eigene Schulter verheißungsvoll ins Publikum.
Entwickelt hat «Sugar Rush» («Zuckerschock») Marco da Silva Ferreira, ehemals portugiesischer Leistungsschwimmer, der seit 2013 choreografiert und bereits mit «Carcaça» und «F*cking Future» (tanz 11/25) auch im deutschen Sprachraum mächtig einschlug. Seine Stücke verbinden urbane Tanzstile und Clubkultur, vergangene Traditionen und Kulturtechniken mit Fragen nach Gegenwart und Zukunft von Gemeinschaft. Jüngst erhielt er den mit 100 000 Euro dotierten «Chanel Next Prize» – eine lukrative Anerkennung.
Rauschhafter Abend
«Carcaça» lief als Gastspiel auch bei tanzmainz, jetzt folgt also ein Stück, das Ferreira im Schulterschluss mit den Tänzer*innen der von Honne Dohrmann geleiteten Compagnie erarbeitet hat. Es verspricht schon dem Titel nach einen rauschhaften Abend und erweist sich denn auch als eine Art orgiastisch anmutendes Erntedankfest voller Energie und Genuss. Ausgangspunkt ist die wohl älteste Art der Weinherstellung, die heute noch im portugiesischen Douro-Tal zur Portwein-Produktion genutzt wird. In großen Becken werden die geernteten Trauben mit den Füßen zerstampft. Bis zu den Oberschenkeln stehen die Arbeiter*innen dabei in Saft, Häuten und Fruchtfleisch der Trauben, die unter den Fußsohlen zerquetscht werden. Die Methode ist sanfter als die maschinelle Verarbeitung, und sie verhindert, dass die Traubenkerne mit aufgebrochen werden.
Viktoria Schrott kleidet die Tänzer*innen in weinrote Kostüme und berüschte Jacken. Der Guckkasten ist ringsum mit einem Vorhang verkleidet, dessen ineinanderlaufende Farben eher hell getönt sind. Anfangs schälen sich die Silhouetten der Tänzer*innen aus dem Bühnendunkel, ein Rhythmus, der das gesamte Stück begleitet, erfasst Füße, Köpfe und die sich hebenden Brustkörbe. Aus einem dicht geformten Pulk driften die Tänzer*innen voneinander fort und bilden immer neue, ineinander übergehende Formationen im Raum. Das gemeinsame, relativ geräuschlose Stampfen verwandelt sich in ein vom Beat getriebenes Vor- und Zurückschreiten. Hier und da werden Paartänze angedeutet, Akkordeonklänge (Musik: Luis Pestana) verändern sich Richtung Techno-Beat. Im nächsten Moment recken sich Fäuste in die Luft. Shuffle-Bewegungen, ein- und ausdrehende Beine und schnelle Wechsel zwischen Ferse und Ballen.
Clubszenen
Neben Bildern vergangener Gemeinschaftstänze tauchen hedonistische Clubszenen auf. So wenn der Tänzer Thomas Van Praet seine Hand die Wange hinabgleiten und langsam im Mund verschwinden lässt. Derweil greift die andere Hand in den Schritt. Jenseits solcher eindeutig konnotierten Schlüsselgesten entsteht der Eindruck einer dauerhaften Anstrengung, gepaart mit der Energie gemeinsamer Arbeit: Die Arme werden im Takt in die Luft geschleudert, es folgen die Jacken – begleitet von Freudenrufen. Oder sind es Entäußerungen angesichts der enormen physischen Beanspruchung? Jemand fällt, wird aber sogleich wieder hochgezogen. Aus der unablässigen Verausgabung brechen Momente der Ekstase hervor, geboren aus dem Kraftfeld von Hingabe, Dynamik und Energie.
Eine Pyramide aus Soundboxen schiebt sich nach vorne, dekoriert mit Trauben und anderen Früchten. Es folgen die Tänzer*innen, ebenfalls Früchte in den Händen. Was man bis hier für einen Schwangerschaftsbauch hielt, entpuppt sich als Wassermelone, die Maasa Sakano unter ihrem Shirt hervorzieht. Lustvolle Bisse in das Obst, die Gesichter scheinen darin zu versinken. Schweiß mischt sich mit klebrigem Fruchtsaft, und zuletzt starten die Tänzer*innen eine beinahe süffisante Polonaise durch den Zuschauerraum. Allein José Garrido bleibt auf der Bühne zurück, neben der Musikanlage – die plötzlich wie ein Altar wirkt, der Ernteertrag und Sound gleichzeitig zu ehren scheint.
Dass es «Sugar Rush» herrlich gelingt, mit dem Verhältnis von körperlicher Anstrengung, sinnlichem Genuss und Vergnügen zu spielen, ermöglicht die Erkenntnis: Energie ist kein astreiner Effizienzfaktor, genauso wenig wie der Körper sich auf die Qualität einer Produktivkraft reduzieren lässt. Stattdessen entfesselt die Choreografie einen Bewegungsrausch, dem zuzuschauen eine wahre Lust ist.
Wiederaufnahme in der kommenden Spielzeit ab März 2027; www.staatstheater-mainz.com
Tanz Juli 2026
Rubrik: Produktionen, Seite 4
von Pauline Michel
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