Entfesselte Körper
Tanz verhandelt den Körper im Spannungsfeld von gelebter Materialität und sozio-historischem Konstrukt. Seit den früher 1990er-Jahren haben Choreografen den Dualismus von Körper/Geist hinter sich gelassen und ein prozessuales Verständnis vom Körper als einem dynamischen System wechselseitigen Austauschs entwickelt. Anders als der virtuose, unverwundbare, kontrollierte Körper der klassischen Tanzformen wird der Körper nunmehr in unsicheren, verwundbaren und kritischen Zuständen dargestellt.
Man denke beispielsweise an den fragmentierten Körper, den Meg Stuarts Choreografie «Disfigure Study» (1991) zeigte.
Ein bekanntes Beispiel ist auch Xavier Le Roys «Self Unfinished» (1998), in dem der Choreograf ein Körperkonzept vorstellte, das nicht bei der Haut endete. Stattdessen wird es über die anatomischen Grenzen hinaus erweitert und kann so ein breites Spektrum von Objekten und Diskursen beherbergen. Alles, was mit dem Körper in Berührung kommt und lange genug in Kontakt mit ihm bleibt, wird dem Body Image einverleibt, wie es der Choreograf selbst formulierte.
Ein weiteres Beispiel: «Solum» (2005) von Filiz Sizanli und Mustafa Kaplan. Das Stück zwingt die Zuschauer, ihre Annahmen ...
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Tanz Jahrbuch 2016
Rubrik: Politik: Unter Spannung, Seite 36
von Gurur Ertem
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