Eine Tänzerin verschwindet
Eisiger Wind fegt über den Friedhof Montmartre. Warum nur lässt sich dieses Grab nicht mehr finden, es war doch irgendwo in der Nachbarschaft von Théophile Gautier, nicht weit von der Ruhestätte der Brüder Goncourt? Oder doch näher bei Heinrich Heine und Hector Berlioz? Komischerweise ist es auch vom Friedhofsplan verschwunden.
Da erscheint hinter der nächsten Biegung zumindest das Memento mori für Vaslav Nijinsky – ein abscheulicher Bronze-«Petruschka», ein Trauerkloß für einen Tanzkoloss.
Die Erinnerung täuscht nicht, denn von hier aus lässt sich das Ziel leichter orten: Auf einer Stele zehn Meter weiter paaren sich ein Dutzend verwitterte Spitzenschuhe mit verblühten Knospen.
«Wollen Sie vielleicht noch ein Paar dazulegen?» Die resolute Pariserin, die eine ganze Schar verfrorener Friedhofskatzen verköstigt, schüttelt den Kopf: «Dabei liegt die doch gar nicht da drin!»
Wie jetzt? Sind alle Besucher hier auf der falschen Fährte? Die Inschrift ist doch eindeutig, da steht «Marie Taglioni». Also ruht unter dem graumelierten Gestein die erste Sylphide der Tanzgeschichte, die größte Ballerina des 19. Jahrhunderts und Hohepriesterin der Romantik – beziehungsweise das, was 125 Jahre ...
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