Eine Tänzerin verschwindet

Dorion Weickmann suchte und fand sie auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise, die Ballerina, der heute noch mit Spitzenschuhen geopfert wird: Marie Taglioni

Tanz - Logo

Eisiger Wind fegt über den Friedhof Montmartre. Warum nur lässt sich dieses Grab nicht mehr finden, es war doch irgendwo in der Nachbarschaft von Théophile Gautier, nicht weit von der Ruhestätte der Brüder Goncourt? Oder doch näher bei Heinrich Heine und Hector Berlioz? Komischerweise ist es auch vom Friedhofsplan verschwunden.

Da erscheint hinter der nächsten Biegung zumindest das Memento mori für Vaslav Nijinsky – ein abscheulicher Bronze-«Petruschka», ein Trauerkloß für einen Tanzkoloss.

Die Erinnerung täuscht nicht, denn von hier aus lässt sich das Ziel leichter orten: Auf einer Stele zehn Meter weiter paaren sich ein Dutzend verwitterte Spitzenschuhe mit verblühten Knospen.

«Wollen Sie vielleicht noch ein Paar dazulegen?» Die resolute Pariserin, die eine ganze Schar verfrorener Friedhofskatzen verköstigt, schüttelt den Kopf: «Dabei liegt die doch gar nicht da drin!»

Wie jetzt? Sind alle Besucher hier auf der falschen Fährte? Die Inschrift ist doch eindeutig, da steht «Marie Taglioni». Also ruht unter dem graumelierten Gestein die erste Sylphide der Tanzgeschichte, die größte Ballerina des 19. Jahrhunderts und Hohepriesterin der Romantik – beziehungsweise das, was 125 Jahre ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Jahrbuch 2009
Rubrik: Nachruf, Seite 106
von Dorion Weickmann

Vergriffen
Weitere Beiträge
Sidi Larbi Cherkaoui: Sutra

Wer die siebzehn Shaolin-Mönche aus Henan in China gesehen hat, vergisst sie nicht so schnell. Da sitzt vorn der 12-jährige Kung-Fu-Novize Dong Dong mit verschränkten Beinen gegenüber einem Mastermind, dem belgischen Choreografen Sidi Larbi Cherkaoui. Beide beugen sich über das Modell einer Bühne, die der Turner-Preisträger Antony Gormley entworfen hat: Hell und...

Jean- Sébastien Lourdais

Wenn Sie die Gelegenheit haben, Jean-Sébastien Lourdais’ intuitive Körperlichkeit zu erleben, ergreifen Sie sie! Der Autodidakt mit der untypischen Herangehensweise kommt ursprünglich aus Frankreich, lebt aber seit über einem Jahrzehnt in Montreal. Bei ihm sprechen Gesten eine lautere Sprache als Worte. Er betont das Instinktive und präsentiert Figuren im Zustand...

Lisa-Maree Cullum

Auf der Suche nach einer Ballerina: «Wo ist Lisa-Maree Cullum?» Die Community war letztes Jahr in Aufruhr, im Sommer wurde in Internet-Foren nach der Münchner Ersten Solistin geforscht. Von einer Knieoperation munkelte man, und dass die Neuseeländerin, die seit über zehn Jahren zum Bayerischen Staatsballett gehört, vielleicht nie mehr wieder auf die Bühne...