Die Krankheit Liebe
Am Neujahrstag 1972 versammelte sich die französische Kulturnation erwartungsvoll vor dem Fernseher. Zum ersten Mal ging das dritte Programm auf Sendung, und wie es die patriotische Pflicht gebot, leuchteten die Farben der Trikolore aus dem Kasten: In Rot, Blau und Weiß schillerten die Kos-tüme der allerersten Ausstrahlung, die das Publikum um einhundertvierzig Jahre in die Vergangenheit zurückversetzte. Die Medienmoderne begann mit einer Geschichtslektion.
Keine Oper, kein Schauspiel, sondern ein bis dato in der Versenkung verschwundenes Tanzdrama gab der Kulturkanal anlässlich seiner Premiere zum Besten – ein Symbol dafür, welchen Stellenwert die Franzosen dem Tanz im Pantheon ihrer Künste einräumen. Weder Kosten noch Mühen hatten die Fernsehdirektoren gescheut, um ein Relikt aus dem 19. Jahrhundert auszugraben, aufzupolieren und als festliche Gala zu präsentieren. Vier Jahre nachdem die Pariser Mai-Revoluzzer in romantischem Überschwang «Fantasie an die Macht» gefordert hatten, besann sich das Bildungsbürgertum offenbar seiner Traditionen und übte den Schulterschluss mit der reaktionären Republik des Bürgerkönigs Louis Philippe.
Pierre Lacotte hieß der Enthusiast, der die ...
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Stehle mich leise in einen Probenraum des National Theatre in London. Und bin sofort gefangen von der Szene, die mich empfängt: Juliette Binoche wirft sich wieder und wieder zu Boden, wütend, sie ist völlig außer sich, offenbar verwirrt. Und bricht zusammen, so anmutig wie ein fallendes Herbstblatt. Akram Khan in schwarzem Poloshirt und braunem Trainingsanzug hockt...
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Heinz Clauss, 73, war von 1976 bis 1990 Direktor der John Cranko-Ballettschule in Stuttgart. Geboren im benachbarten Esslingen, wurde der Schüler des Choreografen Robert Mayer 1951 Tänzer der Stuttgarter Opernballettkompanie. Er ging nach Hamburg und Zürich und kehrte 1967 in der Ära von John Cranko nach Stuttgart zurück. Hier war er Teil des Stuttgarter...
