Die Krankheit Liebe

Sie befällt uns alle irgendwann, die unstillbare Sehnsucht nach der immerwährenden Glückseligkeit. Kein Wunder, sagt Dorion Weickmann. In banalen Zeiten werden wir selbst zu Romantikern. Und träumen vom Ballett

Tanz - Logo

Am Neujahrstag 1972 versammelte sich die französische Kulturnation erwartungsvoll vor dem Fernseher. Zum ersten Mal ging das dritte Programm auf Sendung, und wie es die patriotische Pflicht gebot, leuchteten die Farben der Trikolore aus dem Kasten: In Rot, Blau und Weiß schillerten die Kos-tüme der allerersten Ausstrahlung, die das Publikum um einhundertvierzig Jahre in die Vergangenheit zurückversetzte. Die Medienmoderne begann mit einer Geschichtslektion.



Keine Oper, kein Schauspiel, sondern ein bis dato in der Versenkung verschwundenes Tanzdrama gab der Kulturkanal anlässlich seiner Premiere zum Besten – ein Symbol dafür, welchen Stellenwert die Franzosen dem Tanz im Pantheon ihrer Künste einräumen. Weder Kosten noch Mühen hatten die Fernsehdirektoren gescheut, um ein Relikt aus dem 19. Jahrhundert auszugraben, aufzupolieren und als festliche Gala zu präsentieren. Vier Jahre nachdem die Pariser Mai-Revoluzzer in romantischem Überschwang «Fantasie an die Macht» gefordert hatten, besann sich das Bildungsbürgertum offenbar seiner Traditionen und übte den Schulterschluss mit der reaktionären Republik des Bürgerkönigs Louis Philippe.

Pierre Lacotte hieß der Enthusiast, der die ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Oktober 2008
Rubrik: Sehnsucht nach Romantik, Seite 10
von Dorion Weickmann

Vergriffen
Weitere Beiträge
Liebe, Tod und Teufel

Die Werbekampagne des Berliner Staatsballetts für die just begonnene Saison zeigt stürmisch aufgepeitschtes Meer, nebelumfangene Wälder, schroffe Felsen, wild-leidenschaftliche Natur. Motive wie von Caspar David Friedrich, dem deutschen Romantiker, dem das Gefühl Gesetz war. Dazu fordert die klassische Kompanie auf: Lasst Euch aufwühlen – von der Kultur. Das geht...

Richard Wherlock

Richard Wherlock gibt nicht auf. Auch wenn das Ballett Basel derzeit mal wieder zur Disposition steht, und zwar ausschließlich aus finanziellen Gründen, sucht er weiterhin nach Stoffen, aus welchen Tänze sind. Und er scheint fündig geworden zu sein. Aber anders als John Neumeier in seiner Stuttgarter «Kameliendame» interpretiert er in «La Traviata – ein Ballett»...

O Vertigo: «La Chambre Blanche»

Revivals sind derzeit Programm. Nicht immer machen sie Sinn. Die kanadische Choreografin Ginette Laurin überarbeitete ihre 1992 entstandene Choreografie «La Chambre Blanche» (Das weiße Zimmer) und brachte sie im Frankfurter Mousonturm zur Weltpremiere. Im Künstlerhaus hatte sie 1993 mit der Erstfassung gastiert, überzeugte nun abermals mit dem Stück im selben Set –...