Die Krankheit Liebe

Sie befällt uns alle irgendwann, die unstillbare Sehnsucht nach der immerwährenden Glückseligkeit. Kein Wunder, sagt Dorion Weickmann. In banalen Zeiten werden wir selbst zu Romantikern. Und träumen vom Ballett

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Am Neujahrstag 1972 versammelte sich die französische Kulturnation erwartungsvoll vor dem Fernseher. Zum ersten Mal ging das dritte Programm auf Sendung, und wie es die patriotische Pflicht gebot, leuchteten die Farben der Trikolore aus dem Kasten: In Rot, Blau und Weiß schillerten die Kos-tüme der allerersten Ausstrahlung, die das Publikum um einhundertvierzig Jahre in die Vergangenheit zurückversetzte. Die Medienmoderne begann mit einer Geschichtslektion.



Keine Oper, kein Schauspiel, sondern ein bis dato in der Versenkung verschwundenes Tanzdrama gab der Kulturkanal anlässlich seiner Premiere zum Besten – ein Symbol dafür, welchen Stellenwert die Franzosen dem Tanz im Pantheon ihrer Künste einräumen. Weder Kosten noch Mühen hatten die Fernsehdirektoren gescheut, um ein Relikt aus dem 19. Jahrhundert auszugraben, aufzupolieren und als festliche Gala zu präsentieren. Vier Jahre nachdem die Pariser Mai-Revoluzzer in romantischem Überschwang «Fantasie an die Macht» gefordert hatten, besann sich das Bildungsbürgertum offenbar seiner Traditionen und übte den Schulterschluss mit der reaktionären Republik des Bürgerkönigs Louis Philippe.

Pierre Lacotte hieß der Enthusiast, der die ...

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Tanz Oktober 2008
Rubrik: Sehnsucht nach Romantik, Seite 10
von Dorion Weickmann

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