Der Tanz der Zukunft
Den Tanz der Zukunft gibt es nur noch im Plural. Es ist ein Tanz der Vielen, und er findet an Orten statt, die Vielheit und Teilhabe garantieren.
Diese Orte werden von Menschen geleitet, denen bewusst ist, dass die Tanzkunst immer vielfältiger und größer ist als sie selbst. Kuratorische Egoismen haben darin keinen Platz mehr.
Der Tanz der Zukunft kommt wieder mehr aus der Hüfte und ist viel weniger weiß.
Neu und alt sind darin nur noch Aussagen über zeitliche Abfolgen und stellen kein Werturteil mehr dar.
Die verschiedenen Ästhetiken kommunizieren miteinander wie Elementarteilchen. Sie werden voneinander angezogen, stoßen sich ab oder gehen ineinander auf. Aber sie werden nie zu Waffen im Diskurs.
Die Generationen arbeiten altersübergreifend zusammen. Das Verhältnis der Generationen selbst wird zum Thema. Es gibt keine Nachwuchsförderung und keine Mentoring-Programme mehr. Wenn jemand etwas wissen will, fragt er/sie einfach.
Begriffe wie Starchoreograf oder Extremperformer sind gänzlich unbekannt.
Die Worte radikal und Kunst können nicht mehr in einen sinnvollen Zusammenhang gebracht werden. Innovation gibt es nur noch im HiFi-Markt. Dort arbeiten die letzten Genies.
Die Stücke sind ...
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Tanz Jahrbuch 2017
Rubrik: Utopia, Seite 12
von Christoph Winkler
Wir treffen uns in Kiel, wo Lucinda Childs zuletzt Jean-Marie Leclairs tragédie-lyrique «Skylla und Glaukos» inszeniert hat. Opernregie führt sie inzwischen regelmäßig, aber weltberühmt wurde sie als Choreografin, als Expertin für schnörkellos reinen Tanz. Über den Beginn ihrer Karriere spricht sie gern, aber selten. Weil dieses Kapitel im Schatten späterer Erfolge...
In seinem Essay «Warum Klassiker lesen?» definiert der italienische Schriftsteller Italo Calvino jene Werke als «Klassiker», die sich aufgrund ihrer spezifischen Relevanz entweder als unvergesslich erweisen, oder die, aus den Tiefen des Gedächtnisses geborgen, als Äußerungen des kollektiven Unbewussten zutage treten. Calvino bezieht sich freilich auf die Literatur;...
Der Begriff «Utopie» ist eng an das Konzept des Idealen geknüpft. Irgendein Ort, irgendein Zustand, irgendein menschliches Abenteuer, so perfekt und harmonisch erdacht, dass es in der Wirklichkeit unmöglich eingelöst werden kann. Und doch sehnt sich der Mensch unweigerlich danach. Die antiken Philosophen Griechenlands nannten das Ananke – «inneres Bedürfnis»,...
