Der Schrei. Die Stille
Als Boris Charmatz die Intendanz des Tanztheater Wuppertal Pina Bausch antrat, war das keineswegs ein Zufall der Geschichte. Neben einem geradezu unverschämt passenden Zuständigkeitsprofil hatte er etwas sehr Konkretes und Dringendes auf dem Zettel: Er wollte Pinas Tanz, ihr imposantes Repertoire und ihr weltberühmtes Tanztheater mitnehmen auf eine Reise ins 21. Jahrhundert. Seine Ideen hätten sicher noch für viele weitere Jahre ausgereicht. Aber es kam anders. Nach nicht einmal drei, dafür umso dichteren Spielzeiten ging Charmatz zurück nach Brüssel.
Wo er die Tanzwelt nun einer brüllenden, einsam machenden Stille ausgesetzt hat: «Muette» – «Stumm» heißt sein neues Solo. Man könnte auch sagen: «Sourd» – «Taub«, weil man am Ende dieser 50 Minuten nicht mehr sicher weiß: War Charmatz stumm? Oder waren wir vielleicht einfach taub?
Die Türen zum Foyer des Brüsseler Kaaitheater sind geschlossen, das Publikum ist zur Ruhe gekommen, das schwefelgelbe Licht heruntergedimmt, als Charmatz von rechts mit bemessenem, kraftvollem Schritt die leere Bühne in der Diagonale schneidet und sich in die linke, hintere Ecke stellt, mit dem Gesicht zur Wand. Er legt sein schwarzes T-Shirt ab, dann die ...
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Tanz August/September 2026
Rubrik: Produktionen, Seite 12
von Marietta Piekenbrock
Jubiläum
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