Das Kind ist lieb
Die Kombination eines Tanzstücks und einer Oper, die sich Daniel Goldin zum zehnjährigen Bestehen seines Tanztheaters für seinen Ravel-Abend vorgenommen hat, ist immer heikel – besonders dann, wenn der Choreograf auch die Inszenierung der Oper übernommen hat und versucht, das, was Musik und Gesang erzählen, mit Tanz und Bewegung zu kommentieren.
Ravels «L’Enfant et les sortilèges» erzählt von der Läuterung eines bösen Kinds. Aber die naive Aufführung bleibt über die Behauptungen von Colettes Text hinaus jede Bestätigung dieser Bosheit schuldig.
Ihre Harmlosigkeit wird noch dadurch verstärkt, dass Judith Gennrich nicht die geringste Ahnung hat, wie man ein böses Kind zu spielen hätte, und sich traumtänzerisch lieb und wohltönend durch eine szenische Materialschlacht tastet.
Dabei zeigt der dem Tanz vorbehaltene, «L’Espace de Ravel» überschriebene erste Teil durchaus, dass Goldin sich auf Spuk und Albträume versteht. Der Choreograf hat drei der bekanntesten Musiken Ravels hintereinander geschaltet, ohne sich von berühmten choreografischen Vorbildern irritieren zu lassen. In der «Pavane pour une infante défunte» (in der Klavierfassung) begnügt er sich mit einem Minimum an Bewegung. ...
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