Choreograf des Jahres

Alexei Ratmansky

Einen «Schwanensee» von ihm hätte jedes Theater mit Kusshand genommen. Das Ballett Zürich hat ihn gekriegt: aus schriftlichen Quellen minutiös rekonstruiert und dennoch ganz und gar heutig. Derzeit bringt kein anderer Choreograf diese Zaubermischung zustande

Es ist weit nach 20 Uhr, als Alexei Ratmansky zu unserem verabredeten Gespräch in der Kantine des Opernhauses Zürich erscheint. Bis eben noch hat er sich um einen Maibaum gekümmert, der im ersten «Schwanensee»-Bild das Geburtstagsfest von Prinz Siegfried schmücken soll.

In Windeseile muss dieser Baum von den Statisten aufgerichtet werden, blitzschnell müssen sich von seiner Krone die jedem einzelnen Tänzer zugeteilten Bänder entrollen, damit keiner ohne ein buntes Band in der Hand um den Baum herumtanzt. Der Teufel steckt im Detail! Auf die Sekunde genau muss hier jeder Handgriff sitzen – man versteht gut, warum dieser Maibaum in keiner heutigen «Schwanensee»-Aufführung mehr auftaucht. Aber für Ratmansky gehört er dazu, und deshalb lässt er nicht locker: «Once more, please!»

Trotzdem scheinen die Strapazen eines Acht-Stunden-Probentages jetzt vergessen zu sein. Alexei Ratmanskys dunkle Augen blitzen durch seine Brille, als er mir ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Jahrbuch 2016
Rubrik: Die Saison 2015/16, Seite 138
von Michael Küster

Weitere Beiträge
Middlesex

Mit «MDLSX» hat sich Motus auf die Fahnen geschrieben, eine bewusste, wohlüberlegte und authentische Antwort auf die Frage «Was bist du?» zu formulieren, die sich Silvia Calderoni ihr ganzes Leben lang – privat und auf der Bühne – hat anhören müssen. Die 34-jährige Performerin, Inspirationsquell und zentraler dramatischer Motor aller bisherigen größeren...

Die Hoffnungsträger

Keiner springt mit solchem Wagemut wie er. Da ist nicht mal der Bruchteil eines Zögerns. Also los! Die langen Beine zum Froschsprung angezogen. Runter vom Tisch. Der Frau in die Arme. So muss es sein, wenn man sich Hals über Kopf in eine Beziehung stürzt. Es könnte er oder sie, es könnten auch beide dabei draufgehen. Aber sie fängt ihn auf. Man ist so nah dran, bei...

Die Hoffnungsträger

hat ein hintergründiges, wissendes Lachen. Eben noch probte der 29-Jährige in Alexander Ekmans Choreografie «Cacti» mit Rebecca Horner an der Wiener Staatsoper, davor frischte er den Blockbuster «Don Quixote» auf. Seit 2007 ist er am Staatsballett Wien engagiert und tanzt  viel Repertoire, aber auch Natalia Horecnas Kreation «Contra Clockwise Witness». «Ich bin...