Brief aus Dar es Salaam

Esther Boldt über das Politische im afrikanischen Tanz

Eine hochgewachsene Frau weht herein, im bodenlangen roten Rock, geschäftig mit einem Blechtopf hantierend. Sie besorgt den Haushalt in der Kargheit der Bühne, die von einem asymmetrischen, weißen Trapez abgeschlossen wird. Das allein erzeugt ein Ungleichgewicht im Raum, eine Spannung. Die Frau ist gar keine: Sie wird gespielt vom Choreografen Jonas Byaruhanga. Vier Tänzer kommen hinzu, in helle Tücher gehüllt, die sie muschelgleich aufklaffen lassen, als würde die Haut um ihre Körper geöffnet: Vorschau auf Kommendes.

Denn in «Scars of Innocence» des ugandischen Keiga Dance Theatre geht es um die Beschneidung von Frauen, eine weit verbreitete Praxis in Afrika, auch im Norden Ugandas, wo die Tänzer für ihr Stück recherchierten. Es ist ein blutiger Brauch, der die Reinheit der Frauen gewährleisten soll. Drei Millionen sind jährlich davon bedroht. Die Tänzer üben Kritik an diesen Traditionen, auf dem neuen Festival «Visa 2 Dance» im tansanischen Dar es Salaam.

In assoziationsreichen Bildern, die nichts beschönigen, entwerfen sie eine Dorfgemeinschaft, die unveränderlichen Regeln folgt. Sie sind junge Männer mit schweißglänzenden Muskeln und starker Gebärde, die sich in rituellen ...

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Tanz Januar 2010
Rubrik: Ein Brief, Seite 51
von Esther Boldt

Vergriffen
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