Bournonville & Martínez «Romantic Evolution/s»
In Hamburg also: Murmeltiergruß. Sitzordnung, Publikumsstruktur, Pausengespräche – alles wie gehabt. John Neumeier sitzt zur Premiere 1. Reihe, rechts außen. Silberlocke dominiert coiffeur-technisch das Parkett und konversationshalber triumphiert: Lob der Edelklassik, der Langzeitchef Neumeier – selbst grandioser Erzähler und Seelenporträtist – die Stirn bot. Derweil scheint niemanden zu interessieren, woran sein Kurzzeit-Nachfolger Demis Volpi unter Skandal-Getöse gescheitert ist.
Die Aufarbeitung fällt jedenfalls bislang flach, dafür steht ein Ensemble auf der Bühne, das unter dem Motto «Romantic Evolution/s» Erwartbares tanzt: Nämlich Auguste Bournonvilles «La Sylphide», die 1836 uraufgeführte Fassung des dänischen Choreografen, der sein Handwerk in Paris erlernte und zeitlebens Wert darauf legte, jede sensualité à la française in die Kulisse zu verbannen. Was, handfest verstanden, seine erste Sylphide Lucile Grahn alsbald in die Flucht vor dem Meister schlug. Kopenhagens Traditionstruppe, das Kongelige Ballet, dem Bournonville bis 1877 vorstand, war die erste europäische Heimstatt für den jungen Lloyd Riggins, bevor er zu Neumeier nach Hamburg wechselte. Inzwischen hat er ihn beerbt und holt das dänische Paradestück an die Alster.
Wer sein Ensemble technisch akzelerieren und schleifen möchte, ist mit Bournonville gut bedient: flinke Fußarbeit, ganze Serien von Batterien und eine pantomimische Akkuratesse, die ihresgleichen sucht – das alles ist in Hamburg zu bestaunen. Die Mär vom schottischen Farmer James, der zwischen irdischer Gefährtin und verführerischem Luftgeist schwankt und schließlich sein eigenes Traumgespinst und damit sich selbst zerstört, wird zur Premiere von Ida Praetorius, Matias Oberlin und den Kolleg*innen fast fehlerfrei getanzt – abgesehen von ein paar prekären Arabesques der Titelheldin. Aber eben auch: völlig unterkomplex. Dieses Stück war eine Revolution, und zwar nicht nur wegen des erstmals konsequent betanzten Spitzenschuhs, sondern aufgrund der Abgründe, in die es blickt: Kultur vs. Natur, Mann vs. Frau, Leidenschaft vs. Vernunft, Trieb vs. Traum, Bewusstsein vs. Unterbewusstsein, Gesellschaft vs. Individuum – alles verpackt in ein Spiel mit den Insignien der bürgerlich patriarchalen Doppelmoral. In Hamburgs Dammtor-Oper kommt selbst das polyamouröse (also zeitgenössische) Motiv hübsch zivilisiert daher – Zähmung auf ganzer Linie. Was hat uns diese «Sylphide» noch zu sagen?
Das größte choreografische Nachwuchstalent des Hamburg Ballett, Aleix Martínez, versucht sich sodann an einer zeitgenössischen Permutation: «Äther» markiert die ökologische Abwärtsspirale in teils packenden Bildern, trudelt gleichwohl etwas unentschlossen durch den metaphysischen Orbit. Immerhin vertreibt es das Museumsfeeling, Marke Bournonville. Allein das ist schon tosenden Applaus wert.
Wieder 5., 6., 12. Febr.; www.hamburgballett.de
Tanz Februar 2026
Rubrik: Kalender, Seite 46
von Dorion Weickmann
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