Hinschauen
Spätestens am Ende des Jahres, am 25. November, erinnert uns der «Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen» (englisch: «Orange Day») an die Diskriminierung und Gewalt gegenüber Frauen und Mädchen. An das Leid, das viele täglich erleiden müssen. Im vergangenen Jahr hingen in allen Bussen und Straßenbahnen der Berliner Verkehrsbetriebe an diesem Tag Flyer mit dem Aufruf «Berlin sagt Nein zu Gewalt gegen Frauen!». Auf den etwa 20 000 Flyern waren Hilfsangebote – anonym, mehrsprachig und rund um die Uhr erreichbar – angegeben.
Das war ein starkes Zeichen, das signalisiert: Die allgegenwärtige Gewalt gegen Frauen wird nicht mehr gänzlich unter den Teppich gekehrt. Die Bilanz, die das Bundeskriminalamt für 2024 veröffentlichte, bestätigt: Es wird immer häufiger gedroht, geprügelt, gemordet. Häusliche Gewalt trifft jede vierte Frau, und fast täglich wird eine Frau getötet, von Partnern, innerhalb ihrer Familie. Es ist dieser statistisch erfasste gesellschaftliche Abgrund, die Frage wie es sein kann, dass das in unserer Gesellschaft passiert und geduldet wird, was die Leipziger Dokumentarfilmerin Alina Cyranek bewogen hat, sich des Themas anzunehmen – keine eigene Betroffenheit. Das betont sie ausdrücklich. Wie zeigt man die allgegenwärtige Partnerschaftsgewalt in einem anderthalbstündigen Dokumentarfilm?
Keine Einzelfälle
Alina Cyranek hat einen ungewöhnlichen Weg gewählt und mit dem Leipziger Tänzer und Choreografen Sebastian Weber zusammengearbeitet. «Tanz ist überhaupt eine der stärksten künstlerischen Formen», erklärt Alina Cyranek, «weil er so direkt, so physisch ist. Ich weiß einfach um seine Kraft. Uns war wichtig, das Gesagte nicht zu bebildern, nicht zu doppeln, sondern Assoziationsräume zu schaffen, damit das eigene Kopfkino Platz bekommt – also mehr auf einer sinnlichen Ebene zu arbeiten.» Eines wollte sie auf gar keinen Fall: die betroffenen Frauen vor die Kamera setzen, sie wieder zu einem Einzelfall machen. «Ich wollte nicht, dass man die Frauen labeln kann. Sie ist zu alt, zu jung, zu blond- oder dunkelhaarig. Die Taten laufen immer nach ein und demselben Muster ab. Man kann eine Schablone auf all diese Fälle legen. Die Beziehungen verlaufen alle exakt gleich.»
Aus Gesprächen mit betroffenen Frauen und aus vier Lebensläufen hat Alina Cyranek eine Liebes- und Leidensgeschichte kondensiert. Auf dieser Grundlage so wie in vielen Gesprächen mit der Regisseurin entwickelte Sebastian Weber die Tanzszenen. «Die Herausforderung war», sagt er, «wie man sich mit der Eindeutigkeit des Textes arrangiert. Nicht illustriert, aber auch nicht zu beliebig ist. Also diese Balance zu finden. Ich habe dann versucht, im Text bestimmte Themen herauszufiltern und Improvisationsaufgaben abzuleiten. Ich wollte gemeinsam mit den Tänzer*innen herausfinden, wo eine Resonanz entsteht. Es ging dabei viel um Ambivalenzen. Man wird ja beim Anhören der Geschichte damit konfrontiert, dass beides gleichzeitig da ist. Das echte Verliebtsein und die Not. Dass man das eigentlich gar nicht klar kriegt und das auch nicht zu entwirren ist. Und diese ganzen furchtbaren Widersprüche kann man ja als choreografische Aufgabe lesen. Dass man mit Kontrasten arbeitet. Zärtlichkeit, Zurückstoßen. Das hört sich banal an, aber wir sind das ganz handwerklich angegangen. Es gibt eine Szene, in der beide mit viel Kraft körperlich ringen, Damian sie wirklich anpackt, die Haut greift. Und da haben wir probiert: Was tut weh, was ist belastbar? Wann reißt das T-Shirt durch? Das sind wir durchgegangen, bis es mit dem Text gepasst hat. Das heißt, wir mussten bei den Proben diese Emotionen nicht selber ständig haben. Das war dann eher so, dass beim Drehen die Filmcrew viel betroffener war, die Leute viel übler zu kämpfen hatten als die Tänzer*innen.» Als besonders schwierig stellte sich die Auswahl der Tänzerin und des Tänzers heraus. Sie sollten nicht zu jung wirken, tänzerisch stark sein und eine Ausstrahlung haben. Man sollte ihnen glauben können. «Man sollte das Gefühl haben: Die kenn ich doch vom Bäcker.» Das war auch Alina Cyranek wichtig. Die Wahl fiel auf die beiden erfahrenen Tänzer*innen Gesa Volland und Damian Gmür.
Mit Haut und Haaren
Am Beginn des Films ist das Bild schwarz. Erst langsam erkennen wir eine heller werdende Stofffläche. Ein Laken, unter dem sich zwei Körper aufeinander zubewegen, sich wegdrehen, sich wiederfinden und innig umschlungen ihre Nähe genießen. Löffelchen-Stellung. Alles beginnt so wie Liebesgeschichten beginnen. «Es war wirklich ein Traum», sagt die Stimme aus dem Off. Sandra Hüller liest den Text so, als könne die Protagonistin immer noch nicht verstehen, was ihr über Jahre hinweg widerfahren ist. Denn erst einmal verliebt sie sich mit Haut und Haaren in einen Fußballkumpel ihres Bruders. Sie verreisen zusammen, lachen viel. Er zieht zu ihr. Sie bauen ein Haus. Das Glück scheint perfekt. «Ich habe ihn wirklich so geliebt.» Bis sie bemerkt, dass er sie mehr und mehr kontrolliert. Ihr Handy hackt. Sie drängt, ihre Freunde nicht mehr zu sehen. Peu à peu nimmt er sie vollständig in Besitz, und irgendwann schlägt er zu. Gründe finden sich viele. Ein Fettfleck zu viel, ein fehlender Joghurt. Sie entwickelt ein feines Gespür dafür, ob der Abend in Gewalt mündet oder friedlich bleibt. Lange, sehr lange, viel zu lange wird die Fassade einer intakten Ehe aufrechterhalten. Typisch – sagen die Expertinnen, die in mehreren Interviews zu Wort kommen und von all den Grausamkeiten berichten, die hinter den erleuchteten Fenstern stattfinden.
Vertraute Umgebungen
«Fassaden» ist der Titel des Films und sein Leitmotiv: Häuser am See, ein Straßenzug mit hübschen Altbauten, ein typisches deutsches Einfamilienhaus (ewiger Traum aller Generationen), eine gewöhnliche Mietshauszeile, die Luftaufnahme einer Einfamilienhaussiedlung, eine bunte Legolandschaft garniert mit Swimmingpools. Wir sehen uns allen vertraute Umgebungen. Es sind die Tatorte. Die kennt der Polizist, der, in Uniform vor einem weißen Hintergrund platziert, von den Anrufen, den Notrufen erzählt. Von den verängstigten Frauen, den lügenden, aggressiven Männern und seinen Versuchen, die Situation richtig einzuschätzen und die Frauen in Sicherheit zu bringen. Das hört sich einfach an, ist es aber nicht. Genauso wenig, wie es für die Frauen einfach ist, sich Hilfe zu holen, sich zu öffnen, ihre Peiniger zu verlassen. «Ich war abhängig von dieser kranken Beziehung», heißt es im Text. Diese Abhängigkeit, die Achterbahn der Gefühle verkörpern Gesa Volland und Damian Gmür in sieben Tanzkapiteln eindrucksvoll. Sie führen uns die Ambivalenz vor Augen, in der die Frauen stecken. Zusammen mit den langen Einstellungen der Häuserfassaden, dem ausgefeilten, unaufdringlichen Soundtrack, den bewusst nüchtern gestalteten Interviewsituationen, unterbrochen von schwarzen Schnittbildern, damit wir durchatmen können, den Bildern von Blutergüssen, Narben, werden wir unaufhaltsam in die gesellschaftlich hingenommenen Abgründe gezogen. Frauen, die sich in eine gewalttätige Beziehung verstricken, brauchen im Schnitt sieben Jahre, um sich daraus zu befreien, bleiben oft jahrelang in Prozessen gefangen und für ihr Leben gezeichnet.
Der Film «Fassaden» von Alina Cyranek ist im besten Sinne ein Aufklärungsfilm, der nicht auf Effekte setzt, sondern uns mitnimmt in ein Martyrium, das sich langsam entwickelt und irgendwann so ausweglos erscheint, dass die betroffenen Frauen nicht wissen, wohin. Und dabei den Tod vor Augen haben. Gelähmt vor Angst, allein gelassen von Eltern und Nachbarn, die lieber weg- als hinschauen, angewiesen auf das Verständnis von Polizist*innen, Ärzt*innen, Sozialarbeiter*innen, Anwält*innen, sind sie in die Abgründe einer Liebe geraten, die sie sich gar nicht vorstellen konnten. Und wir Zuschauer*innen auch nicht. Wir begreifen, weshalb es so schwer ist, alles hinter sich zu lassen. Denn am Ende ist da nichts mehr. Kein eigenes Leben, keine Liebe, kein Zuhause. «Wenn man überlegt, dass er damals mit einem Rucksack zu mir gekommen ist, und jetzt bin ich mit einem Rucksack gegangen.» Alles ist einfach weg. Es gibt noch viel zu tun, damit Politiker*innen und wir endlich hinschauen.
«Fassaden» ab 12. Februar bundesweit im Kino; davor gibt es Previews in Anwesenheit der Regisseurin; www.rotzfrech-cinema.com
Tanz Februar 2026
Rubrik: Hintergrund, Seite 68
von Claudia Henne
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