Big shit
Es ist ein Heimspiel, das Marco Goecke am 11. Februar zu absolvieren hat. An der Staatsoper Hannover geht die Premiere «Glaube – Liebe – Hoffnung» über die Bühne, mit Choreografien von Medhi Walerski, Guillaume Hulot und Goecke selbst, seit 2019 Ballettdirektor des Hauses. In der ersten Pause trifft Goecke auf die Tanzkritikerin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Wiebke Hüster. Die Wahrnehmungen und Darstellungen dessen, was folgt, gehen auseinander.
Sicher ist: Es kommt zu einem Wortgefecht, dann zückt Goecke einen Beutel und drückt der Journalistin die Ausscheidungen seines Hundes ins Gesicht.
Egal, mit wem man in den Wochen danach redet – ausnahmslos alle verurteilen die Attacke als absolutes No-Go. Zu Recht. Jenseits der allgemeinen Missbilligung eines Vorgehens, mit dessen Strafbarkeit – Tatvorwürfe wie Körperverletzung und Beleidigung stehen in Rede – sich vermutlich ein Gericht befassen wird, hüllt sich die deutsche Tanzszene allerdings öffentlich in beredtes Schweigen, nach beiden Seiten. Das System reagiert nach innen, nicht aber nach außen. Warum? Welche Vorgeschichte(n) stecken dahinter?
Umso heftiger fallen die Antworten anderer Player aus. Der Deutsche ...
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Tanz 4 2023
Rubrik: Kunst und Kritik, Seite 44
von Dorion Weickmann
Verzückung, Verrückung, obskures Ritual: Sechzehn weiß gewandete Gestalten in Spitzenhäubchen und Krinoline kleben im Pulk aneinander. Der Raum ringsum leuchtet so rot wie die Innenmembran einer Gebärmutter, während die mysteriösen Sektierer*innen, die an das Personal eines Daphne du Maurier-Schauerromans à la «Rebecca» erinnern, unsichtbare Schicksalsfäden zu...
Wir schreiben das Jahr 1972, Westdeutschland. Unlängst ist die Zeitschrift «twen» eingegangen, obwohl oder weil sie sich gegen die Prüderie der Nachkriegszeit aussprach. Es dauert noch sechs Jahre, bis das «konkursbuch» in Tübingen für eine befreite Sexualität kämpfen wird. Und noch einmal zwei Jahre später folgen Periodika wie «Sexualität konkret». Homosexualität...
Esther Boldt, wir kennen uns schon lange, wir sind per Du – auch in diesem Gespräch, nicht als kumpelige Distanzlosigkeit, sondern als gelebte Sprachpraxis. Esther, mir wurde mal von einem Künstler vorgeworfen, dass er die ganze Arbeit macht, während wir Kritiker*innen nur beschreiben würden, was er im Vorfeld geleistet habe …
Den Eindruck teile ich nicht. Mein...
