Ben J. Riepe «Holy Shit – A Human Experience»
Die Bühne: ein Tempel. In weißem Rund mit Stoff-Himmel begegnen sich Publikum und Solo-Performer, zunächst zur Meditation. Meditation? Mit Atemtechniken, Bewegungsloop, Ansprache, Musik und Lichteffekten gelingt es Ben J. Riepe, die meisten Zuschauer*innen am Boden, platziert auf hellem Flauschteppich und Kissen, in Ekstase zu bringen. Der Düsseldorfer Choreograf selbst gerät bei der Uraufführung im tanzhaus nrw in Trance, taumelt. Erschöpft geht er schließlich auf sein johlendes Publikum zu: «Ich brauche eine Umarmung!» Ein Reinigungsritual.
Die Weltpolitik, gesellschaftliche Umbrüche und persönliche Erlebnisse haben in Riepe das Bedürfnis nach der Performance-Session ausgelöst. Eine Session, die im zweiten Teil ein Requiem auf die alte Weltordnung ist, ein wilder Rausch von Kunstfiguren, der die globalen Entwicklungen abarbeitet. Zwei Assistent*innen kleiden den Performer an und aus, es entwickeln sich Häutungen im Minutentakt: Riepe wird zum US-Amerikaner mit Käppi (Aufschrift: «Brutal»), zu Sexobjekt, Heiligem, Ritter, Voodoofigur oder Kirchenoberhaupt. Besonders schräg: das Kruzifix aus Metall auf seinem Kreuzbein. Zeitgleich kommentieren Off-Stimmen und er selbst Themen von ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
- Alle tanz-Artikel online lesen
- Zugang zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von tanz
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Tanz Mai 2026
Rubrik: Kalender, Seite 35
von Bettina Trouwborst
Plauens schmuckes, 1898 eingeweihtes Vogtlandtheater mit seinem säulenbewehrten Portikus und aufwallende Emotionen von heute sind kein Widerspruch: Gefühle existieren zu jeder Zeit, nur ihre choreografische Formung unterscheidet sich. Für diese Formgebung an der 2000 mit Zwickau fusionierten Bühne steht seit 2022 der gebürtige Moskauer Sergei Vanaev, den es nach...
Amsterdam
BEAUJEAN, BRANDSEN, RAGHURAMAN, SRINIVASAN «LA BAYADÈRE»
Keine einfache Mission, die sich die Vizedirektorin von Het Nationale Ballet in Amsterdam, Rachel Beaujean (tanz 3/26), und Direktor Ted Brandsen vorgenommen hatten: eine dekoloniale Version von «La Bayadère» (1877), die Höhepunkte des zweiten Akts beibehält, aber die indische Kultur nicht...
Das männliche Prinzip steckt in der Krise, auch im Tanz. Das George Balanchine zugeschriebene Motto «Ballet is Woman» war immer schon eine gendernormative Verkürzung. In Zeiten von durchlässig gewordenen Geschlechtergrenzen ist es grundfalsch. Wenn sich aber Männlichkeit neu finden will, dann muss man erst einmal definieren: Was will, was kann ein Mann sein?
Die...
