Austausch

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Durch den Wahlerfolg der AfD steht die mich außerordentlich irritierende Forderung im Raum, «deutsch zu tanzen». Gerade der Tanz – und insbesondere das Ballett – entzieht sich einer solchen nationalen Zuschreibung. Diese Kunstform hat sich über Jahrhunderte aus unterschiedlichsten Einflüssen entwickelt: von der Commedia dell’Arte über Frankreich und Russland bis nach Amerika und weit darüber hinaus. Sie war nie ausschließlich nationales Eigentum, sondern immer ein internationales Kulturgut.

Auch heutige Ballettcompagnien sind für mich ein Beispiel dafür, wie Zusammenarbeit über Grenzen hinweg funktionieren kann. Menschen aus unterschiedlichen Ländern, Kulturen und Lebenswelten arbeiten an einem gemeinsamen Ziel. Ihre Erfahrungen, Gewohnheiten und Perspektiven stehen nicht im Widerspruch zueinander, sondern bereichern die gemeinsame Arbeit. Dass Sprache in unserer Kunst nur eine indirekte Rolle spielt, verstärkt diesen internationalen Charakter zusätzlich. Verständigung entsteht über Bewegung, Körper, Musik und eine gemeinsame Arbeitssprache. Dadurch befinden wir uns ganz selbstverständlich in einem internationalen Austausch, der fordert, inspiriert und Entwicklung überhaupt erst möglich macht. Und die tägliche Erfahrung, dass man sich im körperlich herausfordernden Tanz hundertzwanzigprozentig aufeinander verlassen muss und kann, befestigt dieses selbstverständliche Miteinander.

Was für Tänzer*innen längst Alltag ist, könnte zunehmend auch für die Gesellschaft insgesamt gelten. Durch KI-gestützte Übersetzung werden sprachliche Grenzen weiter an Bedeutung verlieren. Insofern ist der Tanz – wie so oft – Vorreiter einer Entwicklung, die längst begonnen hat.

Vor diesem Hintergrund erscheint mir der Versuch, Kunst wieder stärker national zu definieren oder zu vermeintlich «eigenen» kulturellen Formen zurückzukehren, widersprüchlich. Kulturelle Entwicklung ist immer aus Austausch entstanden. Eine Rückkehr zu abgeschotteten nationalen Strukturen würde deshalb nicht Bewährtes schützen, sondern vieles von dem gefährden, was über lange Zeit aufgebaut wurde.

Macht das Künstler*innen zu natürlichen Gegnern jener Kräfte, die erneut stärker in nationalen Kategorien denken? Vielleicht. Denn Kunst lebt von Offenheit, Austausch und der Freiheit, Grenzen zu überschreiten – geografisch ebenso wie gedanklich. Und vermutlich wissen auch diejenigen, die eine Rückkehr zu längst vergangenen Strukturen propagieren, dass sich gesellschaftliche Entwicklungen nicht zurückdrehen lassen, ohne dabei viel zu zerstören. Deshalb stellt sich die beunruhigende Frage, ob genau diese Zerstörung nicht sogar Teil des Ziels sein könnte. Wir wollen es nicht hoffen.

Choreograf und Ballettdirektor am Theater Magdeburg in Sachsen-Anhalt; bei den Landtagswahlen Anfang September hat die vom Verfassungsschutz dort als «gesichert rechtsextrem» eingestufte Partei «Alternative für Deutschland» 43,8 Prozent der Stimmen geholt


Tanz Oktober 2026
Rubrik: Warm-up, Seite 1
von Jörg Mannes

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