Ausgeträumt
Von heute aus gesehen stellt sich die Frage: Wie hat es Köln vor Jahr und Tag überhaupt zustande gebracht, als Leuchtturm der Tanzlandschaft zu imponieren (tanz 11/24)? Wo es jetzt gefühlt zum x-ten Mal eine Totalpleite hinlegt und seine wahrlich weder kleine noch randständige Tanzszene im Regen stehen lässt? Das Geld ist knapp, schon klar. Die Haushälter*innen müssen sparen, bis es quietscht.
Aber wo einerseits Rekordsummen – sprich: alles in allem wohl über eine Milliarde Euro – in eine jeden planerischen Zeitrahmen sprengende Theatersanierung am Offenbachplatz gesteckt werden, während andererseits die (2024 dem Tanz versprochene) Interimsspielstätte Depot 1 einem mietzinszahlenden Musicalproduzenten anvertraut werden soll – da stimmen die Relationen ganz und gar nicht. Eine kurze Zusammenfassung des Geschehens – fast unmöglich angesichts dieser never ending story …
Abwicklung
Schon 2009 wurde die kommunale Tanzsparte abgewickelt. Mit dem Ausscheiden des Schauspielintendanten Stefan Bachmann auch Richard Siegals innovatives Ballet of Difference in die Wüste geschickt, das im Sprechtheater Unterschlupf gefunden hatte. Dennoch titelt der «Kölner Stadtanzeiger» im Juni 2023: «Köln wird wieder Tanzstadt». Hintergrund: Sobald das Schauspiel neuerlich am Offenbachplatz unterkäme, wo sein Stammhaus seit 2012 saniert wird, sollte die Mülheimer Ausweichspielstätte – Depot 1, das kleinere Depot 2 und der Carlsgarten – dem Tanz zufallen. Und zwar als Ort der freien Szene sowie als Quartier für eine neu zu gründende städtische Compagnie.
Es folgt: ein Bewerbungsverfahren, um, so die Pressemitteilung, «aussagekräftige Konzepte für künstlerische und organisatorische Profile der neu zu gründenden Tanzsparte an den Bühnen zu finden». Der Kulturbeigeordnete Stefan Charles erklärt: «Wir gestalten jetzt konkret die Weiterentwicklung der Tanzstadt Köln und etablieren das Depot in Mülheim nachhaltig.» Tatsächlich wird der Prozess mit einer sechsköpfigen Jury durchgezogen, es fallen, wie die Verwaltung auf tanz-Anfrage mitteilt, Ausgaben für «Fahrtkosten, Unterbringung der Gäste, Beraterhonorare, Anzeigen und Bekanntmachungen sowie Vergütungen für die eingereichten Konzepte im Wettbewerb» an. Welche (immerhin von der öffentlichen Hand beglichene) Gesamtsumme zusammenkommt – aufgrund «vertraglicher Vertraulichkeit» keine Auskunft. Indes hat das Kulturportal «west.art» im Januar 2025 unter Berufung auf die Verwaltung berichtet, der «aufwendige Findungsvorgang [habe] nach Angaben der Stadt rund 100000 Euro gekostet». Sicher ist: Es ist verschossenes Geld, weil sich noch 2024 herauskristallisiert, dass der Ensembletraum aus finanziellen Gründen platzt. Vorerst, wie es heißt, eventuell 2028 auf ein Neues … Wobei auch das nach Lage der Dinge Fantasterei bleiben dürfte.
Die bereits gekürte Leitungsanwärterin Marlene Monteiro Freitas unterschreibt an der Berliner Volksbühne. Aber immerhin ist da noch die Idee, der freien Szene endlich ein kommunales Dach mit großer Bühne zu verschaffen – das Depot 1. Die Tanzschaffenden sollen die Räume in Kooperation mit den Städtischen Bühnen, mit dem von Hanna Koller umsichtig kuratierten Tanz-Gastspielprogramm nutzen. Am 23. Januar 2026 kommt das Aus. In einer Sondersitzung des Bühnenausschusses wird beschlossen: «Das Depot im Kölner Stadtteil Mülheim soll entgegen der weiterhin gültigen Ratsbeschlusslage nicht zu einem Haus für Tanz und Performance entwickelt werden, sondern künftig als Musical-Standort dienen.»
Sackgasse
Es ist das nrw landesbüro tanz, das diese Entscheidung dankenswerterweise über die Region hinaus bekannt macht: «Stillstand statt Perspektive: Tanzstadt Köln hat keine Zukunft» steht über seiner Stellungnahme, die einmal mehr deutlich macht, dass die enorm engagierte Arbeit vor Ort – geleistet von der freien Szene, belohnt von hoher Auslastung durch junges, diverses Publikum und gestützt von ortsansässigen, aber international renommierten Institutionen wie dem Tanzarchiv inkl. Museum, dem Institut für Tanz und Bewegungskultur der Sporthochschule – dass das alles in eine Art Sackgasse mündet. Im Gespräch mit dieser Redaktion erklärt die Geschäftsführerin des Landesbüros, Heike Lehmke, dass die schöne Idee von Köln als Tanzstadt im Bühnenausschuss beerdigt worden sei: «Aus meiner Sicht ist sie erstmal auf lange Sicht tot.»
Lehmke als Interessensvertreterin der Szene war eigentlich Feuer und Flamme für das Konzept. Und sie hatte das Vertrauen, dass die Politik ebenfalls dahinter stehen würde: «Vielleicht – ziemlich sicher – war ich blauäugig, aber ich habe jedes Mal wieder aufs Neue an die Ideen, Konzepte und deren Unterstützung geglaubt – ganz besonders mit der Entwicklung des Depots.» Tatsächlich sind die Gegebenheiten am Standort Depot, im finanziell schwachen, rechtsrheinischen Stadtteil Mülheim optimal: Es gibt dort Platz, es gibt zwei Bühnen, auf denen variabel gespielt und geprobt werden kann, dazu ein kreatives Ambiente. Dass die kleinere Depot-Bühne weiterhin von der freien Tanzszene genutzt werden sollte, ist für Lehmke kein Ersatz – man brauche den großen Raum, auch Probenräume. Aber so, wie es jetzt aussieht, plane die Stadt eher eine Nebenbühne, auf der dann kleinformatige Veranstaltungen mit überschaubarem Publikum gastieren könnten.
Abwanderung
Man kommt damit zu einem grundsätzlicheren Problem: «In Köln können Choreograf*innen nicht wachsen», meint Lehmke und verweist dabei darauf, dass die aktive freie Szene in der Domstadt ausschließlich kleine Räume – wie die verdienstvolle Off-Bühne Tanzfaktur – bespielen könne. Wenn die lokalen Tanzkünstler*innen denen aber entwüchsen, wenn sie großformatigere Stücke planen oder ein größeres Publikum ansprechen wollten, dann biete Köln keine Möglichkeiten. Es bleibe nur die Abwanderung nach Düsseldorf oder gleich noch weiter weg. «Es gibt ja viel in der Stadt», seufzt Lehmke, «es gibt eine hochkarätige und diverse Tanzszene, eine Hochschule für Tanz, ein Tanzarchiv, Spielstätten wie die Tanzfaktur und auch ein Landesbüro Tanz. Und die Künstler*innen sind gern in Köln.» Was auf lange Sicht nicht reichen wird.
Dass es nicht nur um die Produktionsbedingungen geht, sondern auch um die Bedürfnisse des Publikums, verdeutlicht auch ein anderer Aspekt: In den Jahren, in denen das Schauspiel (und Richard Siegals Ballet of Difference) in Mülheim ihre Interimsspielstätten hatten, veränderte sich das Gelände, wurden Depot und Carlsgarten zu zentralen Orten im Stadtteil. «Das ist ein megacooler Ort für Theater und den zeitgenössischen und internationalen Tanz geworden», sagt Lehmke, «und darüber hinaus ein wichtiger für den Stadtteil Mülheim und die Bewohner*innen.» Wenn hier nun ein Musicalbetrieb einziehen sollte, dann verändert das den Charakter von Mülheim, unabhängig davon, ob in der kleinen Depot-Bühne noch ab und zu Tanz zu sehen wäre. Lehmke verweist dabei auf Düsseldorf, wo ein Musicaltheater neben das tanzhaus nrw gestellt wurde: «Da gibt es keinerlei Vermischung. Das sind strikte Trennungen von Publika, Weltanschauungen und ästhetischen Herausforderungen.»
www.landesbuerotanz.de
Tanz März 2026
Rubrik: Hintergrund, Seite 60
von Falk Schreiber und Dorion Weickmann
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