Alles ist Ausdruck
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verspürten viele den Drang, sich durch Bewegung mitzuteilen. Zu ihnen gehörte der 1902 geborene Sigurd Leeder, der schon als Kind einer gehörlosen Spielkameradin allein mit seiner Körpersprache Geschichten erzählte. Leeder begann eine Ausbildung zum Grafiker an der Kunstgewerbeschule in Hamburg, brach sie vor dem Diplom ab und trat bereits als 18-Jähriger mit eigenen Tanzsoli auf. Er war Autodidakt und suchte seinen eigenen Weg, bevor er 1922 Mitglied von Jutta von Collandes Tanztruppe wurde.
Leeders Tanzschaffen entstand aus einem persönlichen Impuls, er folgte seiner Kreativität, suchte den individuellen Ausdruck. Im Rückblick scheint es richtig, ihn als typischen Vertreter des Deutschen Ausdruckstanzes zu verstehen. Er selbst verabscheute jedoch diesen Begriff. Er fand ihn sinnlos, war er doch überzeugt, dass jede Tanzform ihren spezifischen Ausdruck hat. Sein Credo lautete: «Eine Ausdrucksabsicht muss hinter jeder Bewegung, die der Tänzer ausführt, stehen. Die Bewegung muss von seiner Vorstellungskraft angeregt werden.»
Begegnung mit Kurt Jooss
Die Ausdrucksabsicht, die Leeders ganze Karriere als Tänzer, Choreograf und Pädagoge bestimmte, entsprang aber bald nicht mehr ausschließlich seinem angeborenen Formgefühl und seiner Intuition, sondern erhielt nach der Begegnung mit Kurt Jooss (1901–1979) ein theoretisches Fundament. 1924 lernte er den Labanschüler persönlich kennen, und dieser machte ihn mit der Bewegungslehre Rudolf von Labans vertraut. Die kurze Paarbeziehung zwischen Leeder und Jooss und ihre 23 Jahre dauernde künstlerische Partnerschaft beruhte darauf, dass sie im anderen fanden, was sie in sich selbst nicht spürten. Die Rollenverteilung in der Zusammenarbeit des extrovertierteren Jooss und des introvertierteren Leeder ergab sich von selbst und entsprach jeweils beider Temperament. In Münster (1924–27), an der Folkwangschule Essen (1927–34), an der Jooss-Leeder-School in Dartington Hall (1934–39) und in Cambridge (1942–47) leitete Jooss stets die pädagogischen Institutionen und die Tanztruppen, während Leeder in verschiedenen Funktionen der wichtigste Mitarbeiter war – sei es als Co-Direktor, Fachlehrer, Trainingsleiter oder Solo-tänzer. Die gemeinsame Aufbauarbeit galt der Entwicklung der Jooss-Leeder-Methode. Sie bildete die Grundlage für Jooss‘ meisterhafte Choreografien für die Ballets Jooss und für Leeders Ruf als passionierter Pädagoge. Beiden ging es um die gestaltete Form. Sie verfolgten das Ziel, den Zusammenhang zwischen der ideellen oder emotionalen Ursache einer Bewegung und ihrer sichtbaren Darstellung zu klären. Die Frage war, wie Tanz Inhalte und Bedeutungen vermitteln, ausdrücken, übertragen kann.
Jooss-Leeder-Methode
Die Jooss-Leeder-Methode zeichnete sich durch Gegensätzliches aus, einerseits durch das festgelegte Fundament von Labans Bewegungslehre und andererseits durch deren pädagogische Verarbeitung, die etwas Eigenständiges, Schöpferisches freisetzte. Es sollte gelehrt und gelernt werden, wie ein verbindliches choreutisches und eukinetisches Regelwerk für die klare Darstellung eigener Erfahrungen fruchtbar gemacht werden kann. Kontrolle und Kreativität sollten einander dabei nicht in die Quere kommen, sondern sich gegenseitig steigern. Labans Choreutik strebte eine Formenlehre der Körperbewegung im Raum und eine Zuordnung von Raumrichtungen und Dimensionen zu Gefühlszuständen an. In der Kombination der drei Ebenen senkrecht (Tür), sagittal (Rad) und waagrecht (Tisch) wurde die Plastizität der Bewegung systematisiert. Die Strukturierung des Raums durch Schwungskalen diente der bewussten Wahrnehmung der Richtungen und bewirkte adäquate Platzierung und Sinngebung. Die Eukinetik befasste sich mit der Koordination von Kraft, Zeit und Raum und zeigte Wechselwirkungen zwischen der dynamischen Qualität einer Bewegung und dem Ausdruck von Gefühlen und Stimmungen auf. Aus der Arbeit mit Gegensätzen – viel oder wenig, schnell oder langsam, zentral oder peripher – resultieren unzählige Möglichkeiten zur Verdeutlichung der Ausdrucksabsichten. Bloße Körperertüchtigung war in der Jooss-Leeder-Methode verpönt. Der Unterricht forderte den tanzenden Menschen in seiner ganzen Lebendigkeit. Leeder beschrieb später, wie er sich die Verinnerlichung von Bewegung vorstellte: «Der Tänzer muss immer offen sein für den Ursprung des Impulses, der zuerst die Bewegung auslöst. Es ist nicht das Beugen und Strecken unserer Gliedmaßen, das zählt. Von vitaler Bedeutung ist der innere Beweggrund, der verlangt, unsere Glieder zum Körper heranzuziehen und der uns dazu bringt, durch eine weit ausreichende Geste sie wieder zu strecken. Nicht die muskuläre Funktion ist der Grund zum Bewegen. Es ist das Leben und unsere Vorstellungskraft, die den Impuls zur Bewegung geben.»
Tanzetüden und Notation
Den Anteil von Jooss und von Leeder an der gemeinsam erarbeiteten Methode genau zu bestimmen, ist unmöglich. Doch lassen sich jeweils bevorzugte Verfahren erkennen. Dazu gehörte Leeders Gepflogenheit, die Schüler mit seinen bildhaften Vorstellungen zu lenken. Die sprachlich formulierten Bilder boten einen inspirierenden Einstieg in eine Übung und sorgten für Präsenz und Konzentration. Sie regten Erlebnisfähigkeit und Expressivität an und vertieften sie. Eine Spezialität der Jooss-Leeder-Methode waren die Tanzetüden. Sie waren komplexer als bloße Übungen und doch keine Kurzstücke. Sie enthielten Themen aus Tanztechnik, Choreutik und Eukinetik, waren klar strukturiert und für die Unterrichtspraxis konzipiert. Die einfachsten verarbeiteten einen bestimmten Aspekt einer Bewegung, die meisten verbanden jedoch unterschiedliche Aspekte heterogener Bewegungselemente. Wesentlich war die Erfahrung des Wechsels von Ausdruck und Bedeutung durch unterschiedliche Kontextualisierung. Die Tanzetüden zeigten eine Fülle von Ausgangspunkten, von Mitteln der Durchführung wie Wiederholung und Variation, von linearer Weiterentwicklung und abrupter Kontrastierung. Der größte Teil davon stammt nach Ansicht der meisten Tanzhistoriker von Leeder. Auffallend ist jedenfalls, dass an der Folkwangschule nach 1949 nicht Jooss, sondern der Leeder-Schüler Jean Cébron mit Etüden unterrichtete. Und Leeder selbst war es, der das immense Etüdenwerk in «Kinetografie Laban» notierte.
Mit Jooss und dem engeren Kreis um Laban war Leeder seit 1927/28 an der Entstehung und Entwicklung der «Kinetografie Laban» beteiligt. Durch seine Grafiker-Ausbildung war er prädestiniert, bei der Umsetzung von Bewegungsabläufen in grafische Zeichen mitzuhelfen. Später arbeitete er an deren Verfeinerung und Verbreitung. Das Fach Notation war in allen Schulen, wo er unterrichtete, obligatorisch. Leeder benutzte die Aufzeichnung zur Analyse, Dokumentation und Vermittlung seiner Choreografien und Etüden. Als Unterrichts- und Probenmaterial kamen insgesamt rund zweitausend handschriftliche Notationen zusammen, sie sind im Schweizer Tanzarchiv erhalten. Von einigen Tanzwerken existieren sogar publizierte Tanz-Partituren.
Schulgründer und Anreger
1947 gründete Leeder seine eigene Schule in London, die Sigurd Leeder School of Dance. Die letzte Tournee der Ballets Jooss in die USA hatte er noch mitgemacht, obwohl die Schulgründung bereits vorher geplant war. Ob die langjährigen Partner im Streit oder friedlich auseinandergingen, kann man nur vermuten. Es gab jedenfalls bis zu Labans Tod 1958 keinen Kontakt mehr zwischen ihnen. Einer der Gründe für die Trennung könnte die gegensätzliche Einstellung zur Rolle des akademischen Tanzes in der gemeinsamen Pädagogik gewesen sein. Als Jooss 1949 nach Deutschland an die Folkwangschule zurückkehrte, wollte er zu etwas Neuem aufbrechen und erweiterte den Lehrplan. Er sorgte sich, wo seine Schüler Arbeit finden würden, und setzte sich zum Ziel, vielseitige Theatertänzer auszubilden. Also gesellte sich zur erprobten Methode zum Beispiel auch Ballett-Training. Leeder war dagegen. Er war überzeugt davon, dass sein pädagogisches Schaffen weder zeitgebunden noch stilistisch festgelegt sei. Er blieb bei der ursprünglichen Jooss-Leeder-Methode und seinen Vorlieben treu. Nach wie vor erfand er immer wieder andere Bilder, um die Schüler zu inspirieren. Er schuf neue Tanz-Etüden oder entwickelte die vorhandenen weiter und korrigierte die Notationen. In der eigenen Schule ging er darüber hinaus wieder seinen früheren Präferenzen nach. Er hatte in der Choreutik die labilen Schrägen den stabilen Flächen immer vorgezogen und Labans System mit zusätzlichen Diagonalen und mit einer Vorliebe für Abweichungen von der Mittelachse des Körpers ausgeweitet. Sein Markenzeichen wurden Wellen-Bewegungen, die in konstantem Schwung durch den Körper fluteten.
Santiago de Chile und Herisau
Noch Ende der 1940er- und zu Beginn der 1950er-Jahre bot die Sigurd Leeder School of Dance in London die einzige professionelle Ausbildung für moderne Tänzer an. Die Offenheit der Unterrichtsmethode wurde jedoch zum Nachteil, die Graham-Technik setzte sich als Basis des modernen Tanzes in Großbritannien durch. Von 1959 bis 1964 leitete Leeder die Tanzabteilung an der Universität Santiago de Chile, um sich danach mit seiner Schülerin Grete Müller zusammenzutun, die seit 1949 im schweizerischen Herisau eine Amateurschule unterhielt, der sie auf sein Betreiben eine Fachabteilung als Vorbereitung auf die Sigurd Leeder School of Dance angegliedert hatte. Diese Vorbereitungsschule in der Ostschweiz machte Leeder 1964 zur Hauptschule, zur immer noch existierenden Sigurd Leeder School of Dance in Herisau. Hier bildete er ab diesem Zeitpunkt auf hohem Niveau Berufstänzer aus. Damals existierte aber in der Schweiz kein Finanzierungsmodell für freies Tanzschaffen. Die Leeder-Schüler mussten umschulen oder Tanzschulen eröffnen und das pädagogische Spektrum vergrößern. Mündlich überliefert, ist Leeders pädagogische Praxis nur bruchstückhaft erhalten. Bewahrt ist sie trotzdem. Denn nach Leeders Tod 1981 führte Grete Müller die Schule allein weiter und verfügte, bevor sie 2004 starb, dass Leeders Nachlass dem Schweizer Tanzarchiv anvertraut werden sollte. So ist Leeders Pädagogik lebendig für alle, die Notation lesen und in Bewegung übersetzen können und dafür die vielerlei schriftlichen und audiovisuellen Quellen erforschen wollen.
Die Autorin ist Fachreferentin für klassischen Tanz am Schweizer Tanzarchiv und Leeder-Expertin; www.tanzarchiv.ch
«Sigurd Leeder – Spuren des Tanzes», Ausstellung zum 70. Jahrestag der Gründung der Sigurd Leeder School of Dance im Museum für Gestaltung in Zürich, noch bis zum 30. Juli; www.museum-gestaltung.ch
Notationen von zehn Tanzetüden Leeders sind erschienen in Ann Hutchinson Guest: «A Selection from the Sigurd Leeder Heritage», The Noverre Press 2017
Tanz Juli 2017
Rubrik: Traditionen, Seite 56
von Ursula Pellaton
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