Alfredo Zinola
Die Covid-Zeit ist ein Schwamm. Die Flüssigkeit, die dieser Schwamm aufsaugt, ist Zeit. Am Anfang war der Schwamm voll, und plötzlich hatte ich Zeit, um mich um all den Rückstand kümmern zu können. Und dann war die Zeit plötzlich wieder komplett weg. Der Schwamm ist wieder trocken und saugt mehr Zeit auf als zuvor. Und falls es nicht enden wird?
Die Covid-Zeit ist ein Sieb. Was fehlt mir? Was kann weg? Ich habe das Theater nicht vermisst, die Gebäude und die Konventionen können weg.
Die Begegnung hat mir gefehlt, das Gefühl, während einer Aufführung zu einer temporären Community zu gehören, hat mir gefehlt. Ich habe entdeckt, dass ich eine Methode habe, weil ich sie nicht mehr ausüben konnte. Dann habe ich erneut «Holiday [Swieto]): The day that is holy» von Jerzy Grotowski gelesen: «Some words are dead, even though we are still using them. (…) Among such words are: show, performance, theatre, spectator etc. But what is necessary? What is alive? Adventure and meeting.» Als das Schiff sank, habe ich etwas gerettet, aber was mache ich jetzt damit?
Die Covid-Zeit ist eine Lupe. In dieser Zeit Factory Artist am tanzhaus nrw zu sein, war ein großes Privileg: zwei Jahre lang unter einem ...
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Tanz Jahrbuch 2021
Rubrik: Pandemie, Seite 34
von Alfredo Zinola
Ein Tag im Winter 2021. Im Homeoffice. Schriftsteller sind ja seit circa 2500 Jahren im Homeoffice, wir sind gewissermaßen die Gründungsväter des Homeoffice. Man solle das Homeoffice verantwortungsvoll nutzen, hat der Bundespräsident gesagt. Tolstoi konnte das, der hatte sogar 13 Kinder im Homeoffice und hat dabei noch «Krieg und Frieden» geschrieben. Normalerweise...
Die letzten eineinhalb Jahre waren definitiv eine Achterbahnfahrt. Ich erinnere mich noch gut an die Zeit Mitte März 2020, als wir mit Proben und Vorstellungen von «Schwanensee» voll beschäftigt waren und bereits in ganz Europa eine Bühne nach der anderen ihre Türen coronabedingt schließen musste.Wir waren definitiv eine der letzten Kompanien, die in den totalen...
Kurz vor dem ersten Corona-Lockdown im März 2020 kam ich von einem Gastspiel mit meiner Produktion «Die Winterreise» von Franz Schubert zusammen mit der Sopranistin Juliane Banse, dem Pianisten Alexander Krichel und dem Tänzer István Simon aus Pakistan zurück. Das war die letzte berufliche Reise, die ich seitdem unternommen habe. Ich war erleichtert über die...
