Alain Platel «Ombra»
Man könnte es als sein spirituelles Vermächtnis bezeichnen: Unterstützt von seiner Seelenverwandten, der Künstlerin Berlinde De Bruyckere, und dem Komponisten Steven Prengels hat Alain Platel mit den Tänzer*innen sowie dem Chor der Opera Vlaanderen ein Gefüge aus eindrucksvollen Tableaus geschaffen, in dem sich menschliches Mitgefühl in seiner verletzlichsten und zugleich wahrhaftigsten Form manifestiert. Entstanden ist eine Ode an den vor zehn Jahren verstorbenen Intendanten und Theater-Visionär Gerard Mortier, der Platel beständig gefördert hat.
Die Bühne beherrscht eine riesige Baum-Skulptur von De Bruyckere. Starke Äste strecken sich in alle Richtungen, doch sie enden in toten Stümpfen. Der Baum trägt kein Laub und spendet folglich auch keinen Schatten mehr. Mit ein wenig Fantasie kann man die Gestalt des Baums als Abbild des gekreuzigten, leidenden Menschen lesen: nackt, erbarmungswürdig – und dennoch ein Hoffnungsträger. Um diesen Baum scharen sich der große Chor und 14 Tänzer*innen in zumeist verschlissener Kleidung.
Das Stück beginnt mit einer Art Totenwache. Schließlich durchbricht der Schwarze Sänger TK Russell die ungewöhnlich lange währende Stille mit der berühmten ...
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Tanz Mai 2024
Rubrik: Kalender, Seite 34
von Pieter T’Jonck
Dieser Premierenabend fühlt sich anders an. Der Blick auf das, was auf der Bühne des Magdeburger Theaters vor sich geht, sucht nach Anhaltspunkten, Spiegelungen, Widerhaken. Nach Indizien, die Verbrechen und Leidenschaft, Machthunger und Tötungsdrang, Vernichtung aller Gegner und Ausbau der Herrschaft mit unserer Wirklichkeit kurzschließen.
Denn von der...
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