Abräumen

«Labyrinth» und «Pyramide» – sich verlaufen oder alles überragen. Zwei Metaphern sprechen Bände über das Verhältnis von Raumerfahren und Raumordnung. Für Johannes Odenthal sind sie zentrale Begriffe auch im Tanz

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Der französische Theoretiker und Architekt Bernard Tschumi stellt in seinem Essay-Band «Architecture and Disjunction» (Massachusetts, 1994) zwei architektonische Metaphern gegenüber: Pyramide und Labyrinth. Für ihn sind beides mentale Raumkonzepte. Die Pyramide steht bei ihm für den Verstand, die strukturelle Kontrolle, die geometrische Organisation und objektive Übersicht. Das Labyrinth ist bei ihm ein Raumkonzept der Erfahrung, der subjektiven sinnlichen Orientierung ohne Überblick. Die Pyramide bedeutet sichtbare Erhebung, Zentrum, Architektur der Macht.

Das Labyrinth assoziiert Ohnmacht und Suche, ist gewendet auf den einzelnen Menschen mit seinen Sinnen, auf das Erproben von Wegen. Exemplarisch werden seine Metaphern lesbar in den Stadtplänen von New York und Tokio. Der vertikalen Bauweise New Yorks im geometrischen Rasterplan steht die chaotische, horizontale Wucherung des Stadtplans von Tokio entgegen. Raumkonzepte sind für ihn nicht nur an Kulturen gebunden, sondern auch historisch in der Entwicklung.

Raum ist bei Tschumi ein kulturelles, ein geistiges Instrument, das sich in Architektur und Kunst nachlesen lässt und sich immer neu mit Erfahrung auflädt. Das heißt, dass ...

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Tanz Jahrbuch 2006
Rubrik: Schwerpunkt, Seite 14
von Johannes Odenthal

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