Dunkelkammer
Was ich sehe: Zeilen, Ecken, die Tischkante, die Linie der Theke, ein Regal mit Flaschen. Etikette.
Endlich Buchstaben: Hurra, das Gerade verbündet sich mit der Kurve, ich liebe das.
Die Bedienung serviert Tee in einem Glas von perfekter Geometrie, das Tablett ist rechteckig mit Blumenmuster, auf ihrer Schulter wuchert ein Tatoo, ich liebe das. Punkt. Punkt. Schleife. Strich. Tänzer zeichnen Spiralen und Arabesken aus Fleisch, Gedärm und Knochen. Das liebe ich auch.
Wo ist der Raum? Kein Raum. Kein Raum für Raum.
Zu viele Artefakte, zu viele Überdruckventile und Sollbruchstellen, zu viel raffinierte Asymmetrien, zu viel Schönheit. So viele Fallen, so viele Fesseln, um den Stier zu bändigen. Einst hat es geknallt. Dehnt er sich nun aus, oder zieht er sich zusammen? (Draußen am See, die schwammige Natur. Kreuchend und fleuchend. Der Sonne entgegen.)
Zurück nach Hause: Das Tier lauert im Dunklen. Des Abends, wenn wir uns der Schwere hingeben, ermattet vom Tragen der Last. Des Körpers. Der Lider. Des Anderen. Das Wasser stürzt zu Tal und kommt zur Ruhe. Spiegelglatt. Wir schließen die Augen.
Die Zeit beschleunigt sich, die Stimme bekommt wieder Farbe.
Wir sind allein. Schwingung ...
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