Abou Lagraa: «Le Cantique des Cantiques» in Wolfsburg

Tanz - Logo

Im Jahr 2001 n. Chr. kam in Frankreich eine Neufassung der Bibel von Olivier­ Cadiot und Michel Berder auf den Markt, ein literarisches Groß­ereignis. «Le Cantique des Cantiques», das «Hohelied» also, fand in dieser Version bereits mehrfach den Weg auf die Theaterbühne. Cadiot und Berder interpretieren das Hohelied als eine archaische Hymne an die Sinnlichkeit, als verkappte «Sex & Crime»-Story voller Hingabe, Eifersucht, Begierde und Gewalt – wie fürs Theater gemacht, erst recht für den Tanz.

Bei Abou Lagraa, Choreograf mit algerischen Wurzeln, wird aus dem Hohelied ein Hohetanz, ein Ritt durch wilde Liebeslandschaften, ein amouröses Kompendium.

Die Tänzer schweben wie auf Wolke 7 und versuchen zugleich, im Boden zu versinken. Schon dieses Setting spiegelt alle inneren Widersprüche des Verliebtseins, vom platonischen Ideal bis zur rauen Wirklichkeit. Wenn sich die Akteure dann den Trieben überlassen, die auch vor Gewalt nicht Halt machen, treiben ihre Körper die Stimmen zweier Schauspielerinnen zu höchster dramatischer Hingabe. Die Dialektik von Kontrolle und Hemmungslosigkeit, Poesie und Hingabe bildet das Gerüst von «Le Cantique des Cantiques» mit einer Leidenschaft, wie sie ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz April 2016
Rubrik: Kalender und Kritik, Seite 42
von Thomas Hahn

Weitere Beiträge
ehrengalerie

In Paris wurde das klassische Ballett als Kunstgattung gegründet. Die Académie royale de danse entstand 1661. Der Sonnenkönig selbst rief sie ins Leben. Später ging sie in der Académie royale de musique auf. Heute prangt die Inschrift «Académie nationale de musique» an der 1875 eröffneten Opéra Garnier, einem schnörkeligen Belle-Époque-Bau und nostalgischen...

Screenings

screening: anne teresa de keersmaeker an der pariser oper
Das Beste kommt am Schluss: «Anne Teresa De Keersmaeker an der Pariser Oper» heißt es kurz nach Mitternacht, und auf dem Programm stehen mit Béla Bartóks «Quatuor n°4» (Foto) und Ludwig van Beethovens «Die große Fuge» erst mal zwei frühe Arbeiten der Flämin, wenngleich in einer Up-to-date-Aufzeichnung aus...

mata hari

Zelle. Mit so einem Namen macht niemand Karriere. Margaretha Zelle war sich darüber im Klaren. Sie wollte Karriere machen, und das um jeden Preis. Also erfand sich das Meisje aus Leeuwarden eines Tages neu, erfand sich als Mata Hari und damit eine Kunstfigur, die wie geschaffen war für eine Belle Époque, in der nicht zuletzt der Exotismus wahre Triumphe feierte....