Zugvögel
Freiheit – so fühlt sich dieser Tanz an. Mit Macht treibt er voran, strömt auf die Bühne wie angesogen von der ersehnten Aussicht, taumelt weiter, schneller, schwindelerregend, immer näher an den endlosen Himmel heran. Leidenschaftlich werfen die Tänzer ihre Arme und Beine in die Luft, als wären es Flügel und sie könnten sich in die Luft schwingen und das Dach des ehrwürdigen Hauses aufsprengen, gemeinsam ausschwärmen, auf dem Wind ins Weite – vor sich alle Ewigkeit.
So viel Leidenschaft ist ansteckend. Und rührend.
Sie verhindert, dass wir uns in den altrosa Polstern auf unserer Lebenserfahrung ausruhen. Kunst ist nicht Leben. Illusionen zerplatzen. Kein Walzer währt ewig; dann gehen die Lichter aus. Warum also schwelgen? Aber ist Vorsicht wirklich besser als Nachgeben? Jirí Kylián mag ein Romantiker sein, naiv ist er nicht. Seiner hemmungslos jauchzenden Hymne an die Lebensfreude im rauschhaften Walzertakt Ravels geht eine lange Stunde elegische Abschiedsstimmung voran. Es heißt, die «Zugvögel» seien seine letzte große Bühnenproduktion. Will man den Humanisten und Eklektiker zwischen Ballett, Modern Dance, strenger Abstraktion und Volkstanzseele fassen: Vergänglichkeit ist sein ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
- Alle tanz-Artikel online lesen
- Zugang zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von tanz
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Das könnte Sie auch interessieren:
Er wollte Akrobat werden, wurde Tänzer. Ein Interview mit Jirí Kylián.
Wer ist Kylián wirklich? Ein Porträt
Wir wären gern drin, mittendrin. Denn drinnen geht’s ab: Die Menschen grölen, jubeln, lachen. Eine E-Gitarre jault. Ein Mann (er muss ein Star sein!) redet mit dem Publikum, das auf jedes seiner Worte enthusiastisch reagiert. Man meint die schweiß- und bühnennebel-getränkte Luft zu atmen, sieht sich selbst im bläulichen Licht des Konzertraums in der unruhigen Menge...
An Hellerau kommt keiner vorbei. «Stop» signalisiert das neue Logo, die Silhouette des Festspielhauses in ein großes H eingebettet. H wie Hellerau eben, wie Haltestelle, wie Hoffnung. Glaubt Dieter Jaenicke – und wünscht sich, dass man in zwei Jahren beim H nicht mehr an Straßenbahn, sondern unwillkürlich ans Europäische Zentrum der Künste Dresden denkt, das dort...
«Ich bin Gott», schrieb Vaslav Nijinsky. «Ich bin der Geist in jedem Menschen». «Ich bin Vaslav», sagen brave Bürger am Eingang der Ludwigsburger Karlskaserne in die Kamera. «Ich bin kein wildes Tier», sagt eine Stimme auf der Bühne, auf der der alte Videokünstler Alex Schmidt an einem kleinen, brüchigen Wohnwagen zimmert. Fabian Chyle tritt hinzu, der Stuttgarter...
