Die Chemie der Ekstase

Irene Sieben über Adrenalin und Endorphine und ihre Folgen für den Tanz. Pure Energie und wie Künstler sie beherrschen: Meg Stuart, Yasmeen Godder, Cena 11, Elizabeth Streb, Mathilde Monnier, Wim Vandekeybus und Rubato

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Hip, Hype, Hurra! Zwei Hütchen auf den Nieren – links ein dreieckiges, rechts ein halbmondförmiges – produzieren die Droge unserer Zeit: Adrenalin. Jener Botenstoff, der allen Kreaturen zu Flight und Fight verhilft und somit ihr Überleben sichert, schafft pure Energie und führt im Schlepptau eine Droge mit, die Schmerzen stillt und high macht: Endorphine.

Diese Reaktionskette des autonomen Nervensystems ist das älteste Geschenk der Evolution an eine Menschheit, deren urbane Lebensweise  den Kampf gegen wilde Tiere und die Flucht zu Fuß längst hinter sich gelassen hat, für die der Botenstoff ursprünglich erschaffen wurde. Wettbewerb, Zeitdruck, Aggression, Angst katapultieren den Stadtneurotiker heute unverwandt in ein ähnliches biochemisches Klima erhöhter Energiebereitschaft. Doch der meist ungenutzte Kraftschub staut sich. Was bleibt, sind Schlacken im Organismus und ein Zustand, den wir Stress nennen.
Was Manager, Feuerwehrleute, Notfallmediziner, überreizte Mütter, Eheleute im Clinch ins Burnout-Syndrom und schlimmstenfalls in die Chronic-Fatigue-Falle katapultiert, nutzen Tänzer als tägliches Brot. Manche sind süchtig nach Adrenalin und in Extremsituationen höchster ...

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Tanz November 2005
Rubrik: Workshop, Seite 72
von Irene Sieben

Vergriffen
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Checkt euch aus

Ekstase ist schwer angesagt: «Da trat ich aus mir raus», sagen die Tänzer, «geriet in einen flow», das «kann man nicht erklären», es war «wie eine Droge». Alexander Löwen nannte es 1975 in seinem Klassiker «Bioenergetics» «das Vibrieren des Körpers, das es ermöglicht, die unwillkürlichen Bewegungen des Körpers als Ausdruck seines Lebens und dessen Kraft zu erleben...

Auf den Fersen

Irgendwas muss gewaltig schief gelaufen sein. Angekündigt war «ein Abend mit fünf Kölner ‹contributors›, Künstlern, die einer Marionette helfen zu verstehen, dass die Welt nicht so ist, wie sie scheint». Das Stück sollte «aus fünf eigenständigen Etüden, Miniatur-Balletten, bestehen, die sich zu einem sechsten, dem Ganzen, zusammenfügen». Das hätten wir gern...

Ekstase

Trance und Ekstase sind für uns Kontrollverluste. Für Burkhard Gladigow in seinem soeben erschienenen Buch «Religionswissenschaft als Kulturwissenschaft» (Kohlhammer) ist Trance eine Besessenheit von außen. Ekstase dagegen ein Heraustreten nach außen. In Trance gerät man etwa durch einen Dämon.
Dieser Wahn mag noch an eine überwundene Form archaischer Religiosität...