Wieviel Nüchternheit braucht Musik?
In den Rang eines Sympathieträgers hat es der Dirigent Karl Böhm nie geschafft. Achtung, Interesse, Furcht: ja, Liebe: kaum. Böhm hat mit seiner Person viel dazu beigetragen, begonnen beim bereitwilligen Mitläufertum während der Nazi-Zeit (ein Wort des Bedauerns hat er dazu nie gefunden), bis hin zu seinem Ruf als Probenteufel. Kameramitschnitte von Proben Karl Böhms lassen einem heute noch das Blut in den Adern gefrieren, so gruselig die genervte Ungeduld und der zähnebleckende Zynismus des Dirigenten.
Noch die größten Ensembles saßen wie Schülerorchester vor ihm; dass in den Konzerten die innere Freiheit der Musiker zunahm, dürfte auch mit der Erleichterung zu tun gehabt haben, nicht mehr, wie in der Probe, bloßstellend von ihm ins Visier genommen werden zu können.
Vielleicht hat mit diesem Sympathiedefizit zu tun, dass sich die biographische und musikwissenschaftliche Beschäftigung mit dem gebürtigen Grazer, der später zum «Österreichischen Generalmusikdirektor» ernannt wurde, sehr in Grenzen hält – ein erstaunlicher Fakt bei einem Mann, der nach dem Krieg neben Karajan der präsenteste Dirigent aus dem deutschsprachigen Raum war. Auftritte bei den Salzburger Festspielen teilten ...
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Opernwelt September-Oktober 2025
Rubrik: Medien, Seite 69
von Clemens Haustein
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