Verachtung
Was der Mensch sei? Es ließe sich diese ewig ungelöste Frage auf sehr verschiedenartige Weise beantworten. Die pessimistische Variante wäre diejenige, die sich auf Dichter, Dramatiker und Denker von Sophokles über Hobbes, Kant, Hölderlin und Schopenhauer bis zu Gottfried Benn beruft und den Menschen als Ungeheuer in den imaginären Raum der Geschichte stellt. Man könnte aber auch in die Sphäre des Theologisch-Metaphysischen ausweichen und den biblischen Psalm 144, 4 zitieren: «Der Mensch ist wie ein Hauch, / und sein Leben wie ein Schatten, der vorüberfliegt.
» Nur an einem Ort kommt man, egal wie man die Dinge dreht und wendet, niemals vorbei – an Auschwitz.
Zofia Posmysz war dort, sie hat das Grauen des Konzentrationslagers überlebt und knapp zwei Jahrzehnte später einen Roman geschrieben, der es detailliert schildert: «Pasazerka», zu Deutsch: «Die Passagierin». Posmysz’ Roman bildet die Grundlage für eine der wichtigsten Opern des 20. Jahrhunderts, die nach ihrer in der Sowjetunion verhinderten Uraufführung Ende der 1960er-Jahre lange Zeit in der Schublade vor sich hin staubte, bevor sie erst konzertant (2006, in Moskau), dann vollgültig auch auf die Bühne gelangte; 2010 war das, ...
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Opernwelt April 2024
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Jürgen Otten, Walter Weidringer
Unter den Töchtern Vincenzo Bellinis gilt sie als die unscheinbarste. Weder besitzt sie die Anmut einer Amina, Bianca oder Elvira, noch den Zauber einer Zaira oder Agnese (Kosename: Alaide); auch eignet ihr kaum das (sich ins Tragische wendende) jugendliche Unbekümmerte Giuliettas, die Sanftmut einer Imogene oder das Flammend-Heroische der schönen Norma. Beatrice...
Ein starker Moment: Wotan spielt Simultanschach gegen seine Walküren, er ist so überlegen, dass er gegen eine nach der anderen gewinnt, aber nicht gegen Brünnhilde. Beide haben ihre Freude daran. Schiebt sich die menschliche und beziehungsreiche Seite nach vorne, gewinnt auch der Abend sofort an Fahrt. Insgesamt aber bleiben die beiden Regisseurinnen Alexandra...
Im vergangenen Juli legte die Gewerkschaft Les Forces musicales, die 51 französische Opernhäuser und Orchester vertritt, eine konsternierende Broschüre vor. «La Saison fantôme» betitelt, stellte sie eine Auswahl von 19 «Geister-Produktionen» vor, die das Publikum diese Spielzeit nicht oder nur in flüchtigen Umrissen zu sehen bekommt. Abgesagte Produktionen oder...
