Unter Wasser
Manche Bilder, so sehr man sich darum bemüht, wollen nicht aus dem Kopf. Zum Beispiel jene bizarr-absurde Pointe am Ende von Lothar-Günther Buchheims Filmklassiker «Das Boot». Zwischen Skylla und Charybdis, unter unerhörtem physischen wie psychischen Druck, hat sich das deutsche U-Boot hindurchgeschlängelt, ist in den vermeintlich sicheren Hafen gelangt. Der Himmel ist sonnig-blau, das unerwartete Glück zum Greifen nah. Doch dann hagelt es Bomben – der Tod kommt aus der Luft, nicht aus dem Wasser.
Womöglich hatte Annilese Miskimmon, seit zwei Jahren Intendantin der Norske Operaen, Szenen wie diese im Kopf, als sie ihre erste Regiearbeit für Oslo vorbereitete, Brittens «Billy Budd». Und vielleicht ließ sie sich bei ihrer Entscheidung, ein U-Boot auf die Bühne hieven zu lassen, nicht nur von der Geschichte leiten, sondern dachte den entscheidenden Schritt weiter: wie es ist, wenn die Welt auf eine stählerne, atemfreie Hülle zusammenschrumpft.
Die Musik in «Billy Budd» erlaubt die Metaphern: Enge und Reibung, Implosion und Explosion, Depression und Aggression. Schon die Terzen des Prologs kratzen einander, d-h und d-b, Dur und Moll. Im weiteren Verlauf der Oper erscheint dieses ...
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Opernwelt März 2019
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Jürgen Otten
Zwei Geschwister. Anatol, Godot. Beide werden erwartet, mit dem kleinen, feinen Unterschied, dass Becketts Titelheld mehr zur Metapher taugt, während sein Bruder im Geiste real existiert. Seit 20 Jahren harrt die schöne Vanessa seiner Ankunft, unverdrossen, sehnsüchtig, in rituell-masochistischer Hingabe. Doch die Liebe hält das Warten aus. Anatol ist der Mann...
Die größte Herausforderung, will man Antonio Vivaldis Oratorium «Juditha Triumphans» auf die Opernbühne bringen, besteht sicher darin, die fünf vorgeschriebenen Frauenstimmen in mittlerer bis tiefer Tessitura, die der Komponist seinerzeit für die Premiere im Mädchen-Waisenhaus Ospedale della Pietà auswählte, so charakteristisch zu casten, dass sich ihre Farben...
Schon während des Vorspiels zum Prolog ist hinter einem Gazevorhang eine Albtraumszene zu erkennen: Fahles Mondlicht fällt auf eine stuckverzierte Wand, im diffusen Licht zeichnet sich eine geschwungene Treppe ab, hinten ragt die Pranke eines monströsen, echsenartigen Tieres hervor. Dann ertönt aus dem Off eine helle Evangelisten-Stimme – und aus dem...
