Umwerfendes Machwerk
Was ist nicht schon alles über Mozarts «Zauberflöte» geschrieben worden! Wie viele Geheimnisse wurden in Schikaneders Libretto hineininterpretiert! Und haben nicht sogar einige Autoren dessen sprunghafte Dramaturgie als «Machwerk» abgetan?
Eine Pariser Bearbeitung aus dem Jahr 1801 zeigt, was aus dem merkwürdigen Stück wird, wenn man es zur durchkomponierten Oper umbürstet, mit neu komponierten Rezitativen in Gluck’scher Art, im schnellen Wechsel von (oft verkürzten) Arien und – zu Napoleons Zeiten hatte man es gern majestätisch – mit zusätzlichen Chor-Anteilen.
Die hemdsärmeligen Bearbeiter um den aus Prag stammenden Ludwig Wenzel Lachnith beließen es aber nicht bei der Rundum-Erneuerung des Stücks und seiner komplizierten Intrige (siehe OW 1/2014), sondern verwursteten neben vielen Nummern aus Mozarts Singspiel (jedoch ohne die «Höllen»-Arie der Königin der Nacht) auch noch einzelne «Hits» aus «Le nozze di Figaro», «Don Giovanni», «La clemenza di Tito» und einer Londoner Sinfonie Haydns.
Das ist nichts für Puristen, Berlioz sollte sich noch ein halbes Jahrhundert später über den «crétin» Lachnith und dessen dreiste «Schändung» ereifern. Gleichwohl ist das erfolgreiche «Machwerk» ...
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Opernwelt Januar 2016
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 25
von Anselm Gerhard
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