Plädoyer für eine ästhetische Kontinuität

Buch des Monats: Stephen Hinton folgt Kurt Weill auf seinem Weg vom Songspiel zur American Opera und stellt erstaunliche Parallelen zwischen beiden Welten fest

Opernwelt - Logo

Es ist nur eine winzige Unachtsamkeit, scheint aber im Fall von Kurt Weill nachgerade symbolischen Charakter zu besitzen: Sein Grabstein auf dem konfessionsneutralen Friedhof Mount Repose in Rockland County, Bundesstaat New York, ziert der Choral «Bird of Passage» aus Weills letztem Bühnenwerk «Lost in the Stars» von 1949, doch eben da entdeckt man den (kaum sichtbaren) Fehler: Der Komponist, der ein genuin «deutscher» irgendwann nicht mehr sein wollte, hatte über dem Wort «earth» ein gebundenes «As» notiert, in Stein gemeißelt erscheint aber der Ton «G».

Man könnte dies als quantité negligéable abtun; betrachtet man jedoch Leben und Werk Weills und sieht beides im Licht einer posthumen Rezeptionsästhetik sowie der damit verbundenen Erwartungshorizonte, gewinnt der Fauxpas an Bedeutung.

Für viele ist Weill ein Komponist, der aus zwei Identitäten besteht, die kaum miteinander korrelieren: hier der Schöpfer der «Dreigroschenoper», des «Mahagonny»-Projekts und all jener Werke für das Musiktheater, die vor 1933 entstanden; dort der «amerikanische» Weill, dessen innovative Kräfte am Broadway erlahmten und der nie wieder zu früherer «Größe» zurückfand. Zu «danken» ist dieses ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt November 2024
Rubrik: CD, DVD, Buch, Seite 39
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Der Klage Klang

Das Solo des Englischhorns tönt hier so hell, klar und schlank aus dem Graben, als wolle es das «Erwachen heiterer Gefühle bei der Ankunft auf dem Lande» hervorrufen. Doch keine Pastoral-Idylle einer nie geschriebenen zweiten Oper Ludwig van Beethovens wird von diesem imaginären, Schalmei blasenden Hirten im dritten Aufzug mit Klängen gemalt. Tristan identifiziert...

Vorschau und Impressum Opernwelt 11/24

Extraordinär
Im Grunde hatte sie keine Wahl. Beide Eltern waren Künstler, der Vater Opernregisseur, die Mutter Sängerin. Anna  Prohaska folgte ihren Spuren und traf damit eine goldrichtige Entscheidung. Doch nicht die großen Partien sind die Domäne dieser Ausnahmekünstlerin, sondern ausgesuchte Rollenporträts und klug ersonnene Konzeptalben. Auf beiden Gebieten ist...

Hochseilakte

Wie kein Komponist vor ihm und kaum einer nach ihm hat Mozart in den drei Da-Ponte-Opern Kunstfiguren geschaffen, die zugleich wirkliche Menschen sind. Die Musik enthüllt ihre tiefsten, ja ganz und gar abgründigen Emotionen und verortet sie dennoch in den sozialen Spannungen der patriarchalen Gesellschaft. Golda Schultz wagt in ihrem ersten Opern-Recital den...