Enigma Variationen

Lavandier: Le premier meurtre
Lille | Opernhaus

Opernwelt - Logo

Wenn Figuren aus dem Textbuch steigen wie Tote aus dem Grab, wird es kompliziert. Schon dem Theaterdirektor in Luigi Pirandellos berühmter Groteske geht es so, als er Besuch von sechs Personen erhält, die ihren Autor verlassen haben und nun einen neuen suchen.

Ein ähnliches Schicksal erleidet der Schriftsteller Gabriel in Arthur Lavandiers knapp zweistündigem Musiktheater «Le premier meurtre», uraufgeführt im Opernhaus zu Lille.

Die Geschichte gleicht einem Verwirrspiel: Gabriel erhält Besuch von zwei schwarz gekleideten Herren, die ihn drängen, seine literarische Produktion wieder aufzunehmen. Also sinnt er darüber nach, eine Tragödie zu schreiben; deren Hauptrolle soll Hippolyte übernehmen, mit dem ihn eine homoerotische Beziehung verbindet. Emma, Gabriels Frau, ahnt, dass ihr bisher schon aufopferungsvolles Leben eine weitere schmerzliche Steigerung erfahren wird. Zumal dem Gatten die Kontrolle über sein Werk (über dessen Inhalt man allerdings nichts erfährt) zusehends entgleitet. Zwischen Fantasie und Wirklichkeit weiß er kaum noch zu unterscheiden; Personen aus seinem Umfeld, etwa den geheimnisvollen Fremden (L’autre), hält er für Bühnenfiguren, deren ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Januar 2017
Rubrik: Panorama, Seite 43
von Mathias Nofze

Weitere Beiträge
Editorial

Wanderer, kommst Du nach Trier und wendest Dich, nachdem Du die Portra Nigra passiert (und hoffentlich einen flüchtigen Gedanken an Karl Marx und den guten Ambrosius von Mailand verloren) hast, in Richtung Universität, wirst Du mit Weisheit belohnt. «In der Stadt Trier», so steht es auf dem Siegel der ehrwürdigen Bildungsstätte eingemeißelt, «führt Gott die...

Lenas Welt

Die eine Farbe. Blau. Schon im Alten Testament findet sie Erwähnung (Exodus 28, 5-35) und ebenso in Homers «Ilias». Blau, das steht, je nach philosophisch-anthropologischem Kontext, für vieles: für zwiespältige Tiefe, für Jungfräulichkeit, für Bewusstsein und Weisheit (dharma-dhatu), für sanfte, ätherische Stimmung, für Ausschweifung, die Sehnsucht nach dem...

Das Unausweichliche, es zieht uns an

Als die Wolken am Horizont aufzogen, war das ingegno sublime gewappnet. Mochte die Konkurrenz von der «Opera of the Nobilities» ihm seine Starsänger mit astronomischen Summen abspenstig machen – und war es offenkundig, dass der Opera seria in England keine rosige Zukunft bevorstand –, er, Georg Friedrich Händel, blieb gelassen. Schließlich hatte er schon...