EIN INTELLEKTUELLES VERGNÜGEN
Das Werk dürfte weitgehend unbekannt sein. Dies aber nicht ganz zu Recht. Denn mag Joseph Franz von Götz’ 1779 uraufgeführtes Melodram «Lenardo und Blandine» nach der gleichnamigen Ballade Gottfried August Bürgers auch kein genialischer Wurf sein – für die Semiotik des Musiktheaters, für das gattungsimmanente Ineinander von natürlichen und künstlichen Zeichen, die Ambivalenz aus Signifikat und Signifikant spielt das Opus eine durchaus bedeutsame Rolle – jedoch weniger aufgrund seiner musikalischen Gestalt.
Es ist vielmehr der vom Komponisten selbst erstellte Begleit- und Kommentarband mit dem schönen Titel «Versuch einer zalreichen (!) Folge leidenschaftlicher Entwürfe für empfindsame Kunst- und Schauspiel-Freunde», der das Interesse der Wissenschaft auf sich gezogen hat: In den 160 Kupferstichen unternimmt Götz nichts Geringeres als den Versuch, das pantomimische Spiel der Darstellerinnen und Darsteller lückenlos zu dokumentieren – und ganz nebenbei auch noch eine kleine, elaborierte Kulturgeschichte dramatischer Gesten zu schreiben. Auf dem Cover von Arne Stollbergs Buch «Figuren der Resonanz» findet sich eine Auswahl dieser wunderbaren Kunstobjekte. Zugegeben, sie nötigen uns ...
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Opernwelt Mai 2022
Rubrik: Hören, sehen, lesen, Seite 39
von Jürgen Otten
Wer Russland verstehen möchte (weniger die Menschen als vielmehr die Psychologie dieses unermesslich reichen Landes), wer nach seinen vielschichtigen soziokulturellen Wirklichkeiten, Irrealitäten und Absurditäten sucht – der findet in einem Buch Antworten, das sich anhand von vier Biografien konkret zwar «nur» mit der Zeit nach 1984 beschäftigt, dabei aber...
Es ist derzeit unmöglich, Opern mit historisch-politischem Hintergrund nicht auf das Kriegsgeschehen in der Ukraine zu beziehen. Die zahlreichen Despoten von Don Pizarro bis Scarpia, von Blaubart bis Francesco Cenci, sie gleichen alle mehr oder weniger dem heutigen Kriegsverbrecher im Kreml. Verdis «Les vêpres siciliennes» führt besonders dicht an die Gegenwart...
Herr Huber, Sie sind der erste Liedbegleiter, mit dem die «Opernwelt» ein ausführliches Interview führt. Fühlt man sich vom Journalismus manchmal vernachlässigt in Ihrem Beruf?
Diese Frage wird mir fast bei jedem Interview gestellt.
Nervt sie Sie?
Nein, gar nicht. Ich glaube nur, dass man schon vor ungefähr 20 Jahren davon abgekommen ist, dass der Begleiter etwa...
