AUFGEWÄRMT
Es ist etwas Seltsames um Leoš Janáčeks «Jenůfa»: Eigentlich haben wir heute keinen Bezug mehr zu einer moralinsauren, ländlichen Welt von vor anderthalb Jahrhunderten, in der eine uneheliche Schwangerschaft das ganze dörfliche Leben auf den Kopf stellt und nicht nur den werdenden Eltern, sondern sogar deren Ziehmutter immerwährende Schande bereitet.
Aber wir leiden und hoffen noch immer mit der Titelheldin, die von ihrem geliebten Stiefbruder Števa im Stich gelassen wird, und die der andere Stiefbruder Laca zunächst verunstaltet, um sie dann mit seiner unverbrüchlichen Liebe zu retten. Ein Grund für diese bleibende Faszination ist Janáčeks Orchesterklang, der das Parlando der Singstimmen farbig und nie forcierend trägt; ein weiterer die empathische, minutiöse Zeichnung der Charaktere.
Regisseur Keith Warner setzt die Psychologie dieses Kammerspiels in Oslo präzise, empathisch und dank seines Ensembles überzeugend um. Hier werden Personenführung und spielerische Intensität zum Ereignis. Doch was mag Warner dazu gebracht haben, sich von Jason Southgate ein derart langweiliges Bühnenbild mit 1950er-Jahre-Geruch zu bestellen, überdies fast eine Kopie der Inszenierung von Olivier ...
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Opernwelt Mai 2022
Rubrik: Panorama, Seite 47
von Stephan Knies
Früher, da hieß Dubí Eichwald. Jetzt heißt Eichwald Dubí. Und das ist gut so. Heute wohnen etwa 8000 Menschen in dieser Kleinstadt in Nordböhmen, am «oberen linken Rand» von Tschechien. Die Wälder sind dicht, aus Lichtungen leuchten helle Hausfassaden hervor. Sonst sehen wir den Wald vor lauter (böhmischen) Bäumen kaum. Ein bayerischer Schriftsteller – Carl Oskar...
Bachs »Matthäus-Passion« als Oper? So fern liegt das nicht, wenn man an die latente Dramatik des Stücks denkt. Und Versuche in diese Richtung der Interpretation gab es immer wieder, bis hin zur Aneignung durch den Choreographen John Neumeier. Aber eine Aufführung als Fest der «Community» unter Beteiligung von Kindern sowie Bürger- und Jugendchören aus Stadt und...
Dass Johannes Brahms’ Musik lange auch mit den Worten «grüblerisch, kühl, klangarm und voll allzu bedrückender Schwermut» charakterisiert wurde (so eine Wiener Rundfunkzeitung zu seinem 100. Geburtstag), ist vermutlich auch auf ein Urteil Friedrich Nietzsches zurückzuführen. In einer seiner bekannt bissigen Invektiven bezichtigte Nietzsche den Komponisten der...
