Wogender Schwung
Die Avantgarde bröckelt manchmal schneller, als man gucken kann. Valencias Opernhaus, dem Palau de les Arts Reina Sofía, musste keine zehn Jahre nach der Eröffnung 2005 eine neue Keramikhaut übergezogen werden – ob der Werkstoff dieses in Beton gegossenen architektonischen Hüftschwungs des Baumeisters Santiago Calatrava sich überhaupt eignet, wo Wind und salzhaltige Meerluft die expressive Bauskulptur umtosen, wird sich zeigen. Wichtig ist, was drinnen passiert.
Seit gut einem Jahr ist mit der Berufung von Davide Livermore als Nachfolger der nach Korruptionsvorwürfen entlassenen Intendantin Helga Schmidt (die, als die öffentlichen Gelder noch sprudelten, internationalen Glanz an die Costa del Azahar gebracht hatte) wieder Ruhe eingekehrt. Trotz geschrumpfter Etats will Livermore sozial und in die Gesellschaft wirken, da gleicht er den meisten Chefs deutscher Stadttheater: «Kultur ist kein Luxusgut, sie ist die Grundlage unserer Zivilgesellschaft. Und genau das will ich den Politikern und Menschen der Region klarmachen», sagte er kürzlich einer Regionalzeitung. Künstlerisch bleiben die Ziele hochgesteckt.
Und bei der jüngsten Premiere, Mozarts «Idomeneo», hat er mit der Position des ...
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Opernwelt Juni 2016
Rubrik: Panorama, Seite 56
von Götz Thieme
Ein zerstreuter Flaneur könnte es glatt übersehen, das Konserthus am Götaplatsen. Wie das vis-à-vis gelegene Stadsteater kauert der Bau im Schatten des stirnseitig auf einem Plateau thronenden Konstmuseums. Die Vorzüge des von dem schwedischen Architekten Nils Einar Eriksson entworfenen, 1935 eröffneten Quaders finden sich im Inneren. Alles kündet hier von einer...
Nach der Pause – Gustavo Dudamel war gerade, den Lockenkopf demütig geneigt, mit einigen Bravos geduscht worden und suchte den Stab zum dritten Akt zu heben – sandte ein Zuschauer aus dem Rang eine giftgrün-wienerische Sprechblase in den Raum: «Nimm a Partitur, dann klingt’s vielleicht besser ...» Was hatte den Zwischenrufer so erbost? Dass der Venezolaner, der ja...
Blutüberströmt liegt die Leiche des jungen John im Bett. Als sich die wütende Meute aus dem Dorf dem Haus des Fischers Peter Grimes nähert, hat der sein nächstes Opfer längst geschlachtet. Grimes scheint verwirrt, spricht noch mit dem Gehilfen. Montagu Slaters Libretto erzählt die Geschichte etwas anders, da lebt der Junge noch. Doch in Tilman Knabes Dortmunder...
