Wogender Schwung
Die Avantgarde bröckelt manchmal schneller, als man gucken kann. Valencias Opernhaus, dem Palau de les Arts Reina Sofía, musste keine zehn Jahre nach der Eröffnung 2005 eine neue Keramikhaut übergezogen werden – ob der Werkstoff dieses in Beton gegossenen architektonischen Hüftschwungs des Baumeisters Santiago Calatrava sich überhaupt eignet, wo Wind und salzhaltige Meerluft die expressive Bauskulptur umtosen, wird sich zeigen. Wichtig ist, was drinnen passiert.
Seit gut einem Jahr ist mit der Berufung von Davide Livermore als Nachfolger der nach Korruptionsvorwürfen entlassenen Intendantin Helga Schmidt (die, als die öffentlichen Gelder noch sprudelten, internationalen Glanz an die Costa del Azahar gebracht hatte) wieder Ruhe eingekehrt. Trotz geschrumpfter Etats will Livermore sozial und in die Gesellschaft wirken, da gleicht er den meisten Chefs deutscher Stadttheater: «Kultur ist kein Luxusgut, sie ist die Grundlage unserer Zivilgesellschaft. Und genau das will ich den Politikern und Menschen der Region klarmachen», sagte er kürzlich einer Regionalzeitung. Künstlerisch bleiben die Ziele hochgesteckt.
Und bei der jüngsten Premiere, Mozarts «Idomeneo», hat er mit der Position des ...
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Opernwelt Juni 2016
Rubrik: Panorama, Seite 56
von Götz Thieme
Sein oder nicht sein? Das ist an GöteborgsOperan nicht die Frage. Stephen Langridge, seit zwei Jahren künstlerischer Kopf des Musiktheaters, lässt für die schwedische Erstaufführung von Ambroise Thomas’ «Hamlet» verschiedene Varianten des Endes spielen. Als Thomas seine Antwort auf Gounods «Roméo et Juliette» 1868 an der Pariser Opéra herausbrachte, ging der...
Blutüberströmt liegt die Leiche des jungen John im Bett. Als sich die wütende Meute aus dem Dorf dem Haus des Fischers Peter Grimes nähert, hat der sein nächstes Opfer längst geschlachtet. Grimes scheint verwirrt, spricht noch mit dem Gehilfen. Montagu Slaters Libretto erzählt die Geschichte etwas anders, da lebt der Junge noch. Doch in Tilman Knabes Dortmunder...
Wenn sich der Vorhang öffnet und die schwarz ausgehängte Bühne freigibt, robbt ein nackter Mann mit einem überdimensionalen Hut über den Boden. Bald kommen zwei weitere nackte Performer hinzu – mit derselben spitz zulaufenden Kopfbedeckung, die mehr einer Ku-Klux-Klan-Maske als an einem Juden-Hut ähnelt. Dominiert wird die dunkle, meist nur dämmrig ausgeleuchtete...
