Verbrannt

Hans Neuenfels zeigt Tschaikowskys «Pique Dame» als eindrückliche Studie über die Unmöglichkeit von Liebe, Mariss Jansons lotet scharfsinnig sämtliche Facetten der Partitur aus

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Gegenwart, grausame Gewissheit, ist eigentlich nie. Und wenn, dann nur als Gespenst, das durch die Kulissen des Lebens huscht; flüchtige Passage zwischen Vergangenheit und Zukunft; Goethe wusste schon um die Vergeblichkeit des Versuchs, den Augenblick fesselnd zu fassen. Eine aber ist da, die genießt das Transitorische, den Gedanken, das alles, was war und noch ist, bald nicht mehr sein wird, und dass die Sekunde naht, da Freund Hein sie zärtlich in die Arme nimmt, sie, die einst umschwärmte Helena von Paris. Längst widert sie das Leben an, alles Menschliche um sie herum.

Und nur noch eines will die alte Gräfin: sterben. Jetzt, augenblicklich. Ach wüsste sie nur, wie nah das (Un-)Glück ist.

Grandios, wie Hanna Schwarz diese Innenschau gestaltet. Grandios aber auch, wie Hans Neuenfels dieses zweite Bild des zweiten Akts konfiguriert. Der mondän-grauschwarze Casinosaal, den Christian Schmidt ins große Festspielhaus gebaut hat, verengt sich zum weiß-sterilen Krankenhauszimmer, das lästige Personal ist verscheucht, auf einem Stuhl klebt nun die kahle Sängerin, ohne das hennarote Pagenkopftoupet, ohne ihr giftgrünes Cocktailkleid und die feuerroten Handschuhe, bekleidet nur noch mit ...

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Opernwelt September/Oktober 2018
Rubrik: Im Focus, Seite 8
von Jürgen Otten

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