Verbrannt
Gegenwart, grausame Gewissheit, ist eigentlich nie. Und wenn, dann nur als Gespenst, das durch die Kulissen des Lebens huscht; flüchtige Passage zwischen Vergangenheit und Zukunft; Goethe wusste schon um die Vergeblichkeit des Versuchs, den Augenblick fesselnd zu fassen. Eine aber ist da, die genießt das Transitorische, den Gedanken, das alles, was war und noch ist, bald nicht mehr sein wird, und dass die Sekunde naht, da Freund Hein sie zärtlich in die Arme nimmt, sie, die einst umschwärmte Helena von Paris. Längst widert sie das Leben an, alles Menschliche um sie herum.
Und nur noch eines will die alte Gräfin: sterben. Jetzt, augenblicklich. Ach wüsste sie nur, wie nah das (Un-)Glück ist.
Grandios, wie Hanna Schwarz diese Innenschau gestaltet. Grandios aber auch, wie Hans Neuenfels dieses zweite Bild des zweiten Akts konfiguriert. Der mondän-grauschwarze Casinosaal, den Christian Schmidt ins große Festspielhaus gebaut hat, verengt sich zum weiß-sterilen Krankenhauszimmer, das lästige Personal ist verscheucht, auf einem Stuhl klebt nun die kahle Sängerin, ohne das hennarote Pagenkopftoupet, ohne ihr giftgrünes Cocktailkleid und die feuerroten Handschuhe, bekleidet nur noch mit ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt September/Oktober 2018
Rubrik: Im Focus, Seite 8
von Jürgen Otten
Manchmal fügen sich die Dinge am besten aus der Not heraus. Eigentlich sollte in der Salzburger Hofstallgasse wieder die «Aida» Einzug halten – in der feierlichen Schreit-, Sitz- und Steh-Anmutung, die Shirin Neshat Verdis Kassenhit vor einem Jahr verpasste, und mit jener marktbeherrschenden Diva, die 2017 im Großen Festspielhaus zum ersten Mal die äthiopische...
Musik verbindet, versöhnt, vereint Menschen – nationen- wie generationen- und schichtenübergreifend: als harmonisierende Himmelsmacht. Doch so lieb einem die Vorstellung sein mag: Sie stimmt leider nicht. Denn in kaum einer anderen Kunst sind die Trennlinien so ausgeprägt. Schon E und U stehen für grundverschiedene Welten, auch wenn sie manchmal weniger...
Aix
Die Anziehungskraft der sommerlichen Festspiele in Aix-en-Provence ist ungebrochen. Rund 85 000 Besucher werden inzwischen pro Saison gezählt. Das Interesse gilt nicht nur den Opernaufführungen, sondern auch öffentlichen Proben oder den Konzerten der seit 20 Jahren bestehenden Akademie für den künstlerischen Nachwuchs. Und dem Genius loci sowieso – jenem...
