Sturm im Pizzakarton
Paul Curran verlegt Händels Merowinger-Oper «Faramondo» (1738) in ein viktorianisches Spielcasino. Während man damit beschäftigt ist, die kleinen Geschichten aus dem «Paten»-Milieu, die sich der Schotte für Solisten und Statisterie ausgedacht hat, zu entziffern, verpasst man die herrliche Ouvertüre, die vom FestspielOrchester Göttingen unter Laurence Cummings körnig im Klang, kraftvoll-federnd in der Attacke, rasant in den Tempi und nicht immer synchron im Phrasen-Ansatz vorgetragen wird. So wird es vier Stunden bleiben: Die Szene lenkt von der Musik ab, die Musik von der Szene.
Es sei denn, eine Sängerpersönlichkeit wie Anna Devin lässt uns kraft fesselnder Präsenz, vollem, rundem Sopran und wahrhaft fantasievoll-erfindungsreichem Spiel mit den Möglichkeiten der von Händel vorgegebenen Melodielinie in den variierten Da Capos die Frage vergessen, warum sie bei der furiosen Sturm-Arie «Combattuta da due venti» einen Pizzakarton in der Hand hält. Nicht egal ist es uns, dass sie mit wütendem Schuhewerfen das raffiniert duettierende Spiel besagter Winde in der Instrumentaleinleitung stört. Ein musikalischer Regisseur hätte uns auf deren Wirbel in den ersten und zweiten Violinen mit ...
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Opernwelt August 2014
Rubrik: Panorama, Seite 35
von Boris Kehrmann
Wieder einmal lag Streik in der Luft beim Festival d’Aix-en-Provence – und nicht nur dort. In Montpellier fielen im Juni alle Vorstellungen des dreiwöchigen Printemps des Comédiens aus. Die intermittents du spectacle, die zeitweise beschäftigten Künstler und Techniker, ohne die nichts läuft bei den großen Festivals im Süden Frankreichs, sind empört. Die...
Wir feiern, was uns kostbar ist. Und kostbar waren den Fürsten des Nordens die goldenen Äpfel des Südens, die Orangen, für deren Bäume sie große Orangerien bauten, um sie im Winter vor Frost zu schützen. Die Musikfestspiele Potsdam-Sanssouci, geleitet von Andrea Palent, hatten etwas zu feiern: ihr 60-jähriges Jubiläum. Und da das Thema dieser Saison ohnehin...
Der Vorhang – eine Ortsbeschreibung im Schummerlicht. Etwas trockenes Gras. Viel Sand. Endlose Weite am Ende der Welt. Gottverlassener geht’s nicht. Hier spielt in Zürich «La fanciulla del West». Vorhang auf. Die bühnenbreite Theke der Kneipe «Zur Polka» drückt sich ganz nahe an die Rampe und scheint kaum Raum für sinnvolles Spiel im zudem brechend vollen Raum zu...
